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Bernhard Bueb: Die Macht der Ehrlichen : Sind’s gute Drogeriemärkte, sind’s schlechte Drogeriemärkte?

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Bild: Ullstein Verlag

So wenig Provokation war selten: Der Pädagoge Bernhard Bueb weiß, dass ein gutes Leben nur gelingen kann, wenn nicht gelogen wird - und lobt gleichzeitig das Abschreiben.

          Der Untertitel dieses Lobgesangs auf den sittlichen Menschen in alter Vir-bonus-Tradition ist eine Provokation. Er lautet nämlich „Eine Provokation“, ohne dass in diesem stramm idealistischen Manifestchen auch nur entfernt provoziert würde. Begründet wird die Genre-Zuordnung im ersten Unterkapitel („Das Ende der Aufrichtigkeit“), und zwar als raffiniert gemeinte doppelte Zeitgeist-Abkehr. Das Ethos des „ehrbaren Kaufmanns“ sei dem des zynischen Zocker-Bankers gewichen, heißt es, auch wenn diese Phrase selbst wohl schon zum Zeitgeist gehört. Die Einstellung, dass der Ehrliche der Dumme sei, dominiere heute jedenfalls so sehr, dass es einem Affront gleichkomme, den Sieg der Ehrlichen zu propagieren.

          Diese Argumentation ist vor allem kulturkritisch, weil sie der großen Hoffnungsthese des Buches - viele Protestbewegungen zeigten, dass die Ehrlichen auf dem Vormarsch seien - widerspricht. Vor allem aber scheint die gesamte Rechtfertigung des Untertitels auf durchsichtige Art unehrlich, denn es dürfte im Kern darum gehen, Aufsehen zu erregen und möglichst den Erfolg der beiden Disziplinierungsfibeln zu wiederholen. Ehrlich wäre gewesen, zu sagen, dass man nichts Neues zu sagen hat. Theoretische Stringenz ist generell keine Stärke Buebs. So reitet der ehemalige Leiter der Schule Schloss Salem, welche hier geradezu verklärt wird, einen an Richard David Precht gemahnenden Angriff gegen die Schulen der Gegenwart, die sich allein auf benotbare Leistungen konzentrierten. Damit aber fördere man das Betrügen, wie der Autor an einem Beispiel belegen will: Ein Junge, in allen Fächern schlecht, wurde ein Meister im Abschreiben. Jetzt folgt die einzig charmante Stelle des sonst unfassbar eitlen Buches: „Dieser Schüler war ich.“

          Die Verächter der Wahrheit triumphieren

          Wenige Zeilen später erfahren wir freilich, wie vorteilhaft sich das damit Erlernte auswirken sollte: „Es gehörte zu meinen Aufgaben als Leiter von Salem, wohlhabende Menschen davon zu überzeugen, Geld für Stipendien zu stiften. Die Fähigkeit, mir Menschen gefällig zu machen, hatte ich eingeübt, als ich in der Schule Mitschüler gewinnen musste, geistiges Eigentum an mich abzugeben.“ Dass niemand immer ehrlich sein könne, räumt Bueb ein, aber hier ist es eben die dank Unehrlichkeit erworbene Qualifikation, die sich positiv auszahlt. Ist damit nicht das ganze Argument hinüber, „dass die Voraussetzung für ein gutes Leben Ehrlichkeit ist“? Bei besonders edlen Gemütern ist Bueb besonders nachsichtig.

          Es geht also um Wahrheit und Lüge im innermoralischen Sinn, um die Wahrhaftigkeit, jene vor allem von den Vernunftphilosophen zur Primärtugend erhobenen Kategorie. Neu ist da nichts, zieht sich das Lügenverbot doch durch die gesamte Ethik des Abendlands. Ließ es sich in den Religionen aber noch einfach als „Befehl von oben“ deklarieren, musste die Philosophie es neu begründen. Und diese Begründungen fielen stets schwach aus, konnten kaum mithalten mit den hintersinnig-kritischen, funkelnden Reflexionen der Konversationstheoretiker einige Jahrhunderte zuvor: Machiavelli riet dem Fürsten, „in der Verstellung und Falschheit ein Meister“ zu sein, Montaigne stellte heraus, dass man an der Lüge kaum vorbeikomme, Gracián ordnete sie der Klugheit unter, weshalb ein kleiner Betrug dem Erfolg nicht abträglich sein müsse.

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