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Bernard Lewis: Faith and Power : Der Ungläubige als ultimativer Feind

  • -Aktualisiert am

Bild: Oxford University Press

Wie steht es mit der Gewaltentrennung zwischen Glauben und Macht in Mittelost? Ist das Erbe des Kalifen demokratiefähig? Antworten von Bernard Lewis, dem Nestor der angloamerikanischen Islamkunde.

          Des Kaisers", antworteten sie auf seine Frage, wessen Bild und Name auf dem Silberling seien. "Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, aber gebt Gott, was Gott gehört." So spricht Jesus zu Pharisäern laut Matthäus darüber, ob es rechtens sei, Rom Steuern zu zahlen. Und dies sei das Prinzip zweier Autoritäten im Christentum, leitet Bernard Lewis sein neues Buch über Glauben und Macht in Mittelost ein. Kaiser und Gott hüteten je ihre Bereiche nach eigenen Regeln. Das Duale von Staat und Kirche treffe aber nicht auf den Islam zu. Dort sei die Trennung bis vor kurzem sinnlos gewesen, denn die Religion erwuchs aus der Einheit von Glauben und Macht.

          Drei verwandte Religionen in Mittelost höben sich hierin ab, sagt der Nestor der angloamerikanischen Islamkunde. Moses führte sein Volk ins Gelobte Land, durfte es aber nicht betreten. Christus starb am Kreuz. Sein Gefolge blieb lange eine verfolgte Minorität im Streit um Staat und Rom. Allein Mohammed einte die Widerparte, da er als Religionsstifter zum Haupt seines Staates aufstieg, der zum Reich wuchs. Er war ein schlagender Rebell und erfolgreicher Unternehmer unter der Glutsonne Arabiens im Wüstenraum, den periodisch Streit laxer Städter und sittentreuer Nomaden aufrührte.

          Die Kaiserregel führte zur Trennung von Staat und Kirche, das Kalifenerbe zur Einheit von Macht und Glauben. Die Kerndifferenz hebt die judäo-christliche Tradition von der islamischen Tradition ab. Dies beleuchtet der Princetoner Gelehrte in 13 Kapiteln. Meist nach dem Millennium notiert und in Teilen publiziert, geht es um Europa und den Islam sowie um Islam und Judentum. Lewis prüft, ob Islam und liberale Demokratie kompatibel sind. Dabei greift er, der gern auch im Internet surft, schon einmal auf die Websites der Taliban zurück, um die Rolle der Frau, Demokratie und Religion besser auszuloten.

          Da sie sich ähneln, raufen sie viel

          Ein gediegenes Buch, da der Historiker alles im Fluss der Geschichte auflöst und am Beispiel erhellt. Der Leser mag staunen, denn Lewis bleibt sich hierbei treu: Er lässt jene Differenz nicht ins Unendliche gedeihen. Er konfrontiert uns mit der Ansicht, die er nach dem Begründer der modernen Islamforschung formuliert. Carl Heinrich Becker hatte vor einhundert Jahren behauptet, die wahre Trennlinie verlaufe nicht zwischen Christentum und Islam, sondern zwischen der judäo-christlichen und der fernöstlichen Tradition. Was Wunder, Buddha und Konfuzius lebten und lehrten ziemlich anders als Moses, Jesus und Mohammed.

          Indes gibt uns Bernard Lewis einiges mehr zu denken. In seiner wohlabwägenden Art behauptet er, dass Christentum und Islam miteinander in Konflikt gerieten: nicht, weil sie viel zu unterschiedlich seien, sondern weil sie derart viel eint. Der Leser mag es sich mit Lessing als drei Söhne des Urvaters Abraham vorstellen, die im Wettstreit um die besten Lebensumstände und Weisheiten ringen sollten, damit alle mehr am Glück teilhaben. Da sie sich ähneln, raufen sie viel. Der Jüngste muss gegen zwei angehen. Wie können sie es friedlich tun?

          Versöhnliche Töne lesen heute manche vielleicht nicht so gern. Auch nicht, dass Lewis, der vor 30 Jahren selbst noch die Formel "Kollision der Zivilisationen" benutzt und dem Samuel Huntington dafür gar Anerkennung gezollt hat, diesen Ausdruck "clash" nicht mag. Der Gelehrte greift lieber 235 Jahre zurück. Denn er will den Begriff "große Debatte" beleben, den der englische Historiker Edward Gibbon in der Geschichte Roms benutzt hat.

          Verschiedene Paradiese

          Dieser Meinungsstreit zwischen Christentum und Islam rühre hauptsächlich daher, dass beide eine gemeinsame Geschichte, ähnlichen Hintergrund und gleiche Glaubenssätze hätten. Fochten sie im Mittelalter ihre Disputationen aus, erklärt Lewis weiter, so konnten sie sich gut miteinander verständigen. Und im Alltag? Beschimpfte etwa ein Christ einen Muslim oder umgekehrt, er sei ein Ungläubiger und werde in der Hölle brennen, wussten alle genau, worum es da ging. Zwar fielen beider Paradiese etwas verschieden aus, nicht jedoch ihr dämonisches Totenreich mit dem jenseitigen Fegefeuer am Tage des Jüngsten Gerichts.

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