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: Berliner Promis auf einen Blick

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Sie rücken ihre Adresse nicht raus, ziehen weg oder sterben. Oder sie haben nie in Berlin gewohnt, sondern nur im Hotel. Aber das macht nichts, der verstorbene, verzogene oder unwillige Prominente hat noch eine Chance, in der nächsten Auflage von Klaus Kerstens "Berliner Prominentenlexikon" zu landen (be.bra Verlag, Berlin 2005.

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          Sie rücken ihre Adresse nicht raus, ziehen weg oder sterben. Oder sie haben nie in Berlin gewohnt, sondern nur im Hotel. Aber das macht nichts, der verstorbene, verzogene oder unwillige Prominente hat noch eine Chance, in der nächsten Auflage von Klaus Kerstens "Berliner Prominentenlexikon" zu landen (be.bra Verlag, Berlin 2005. 312 S., Abb., br., 19,90 [Euro]). Schauspieler sollte er allerdings schon gewesen sein. Wenigstens Visagist. Oder Kulissenbauer. Dann hat er eine Spur hinterlassen in den exquisiten Quellen dieses Werkes wie etwa "Der kleine Aufnahmeleiter", Berlin 1938. Dann trägt er mit zur Lösung der Frage bei: Wie kann man ein spezifisch berlinerisches Prominentenlexikon schreiben, wo doch praktisch jeder zwischen Tom Cruise, Mussolini und Alt Fritz mal hier war? Das Buch wagt die doppelte Zuspitzung, indem es sich als "Ein Adreßbuch" ausgibt - und durch fehlende Adressen überraschende Momente schafft.

          Regelrechte Sammlerstücke an Prominenz kann man hier aufspießen, bescheiden Berühmte, deren Prominenz nicht so feist dahermarschiert kommt wie Sandra Maischberger, wenn sie uns telefonierend an der Ampel begegnet; wie Joschka Fischer, wenn er hinter uns im Supermarkt eine Packung gelben Klopapiers aufs Laufband legt und grummelt, wenn wir selbst noch eine Plastiktüte neben ihm hervorfummeln müssen; wie Alfred Biolek, wenn er urgeduldig den Rausrückvorgang seines und unseres Geldautomaten erwartet; wie Heike Makatsch, Franka Potente, Sophie Rois, Christiane Paul oder Nicolette Krebitz (wenn sie es wirklich war!), die uns hier nacheinander auf dem Weg zum Bäcker begegnet sind; oder wie jener RTL-Fernsehkommissar, dessen Name uns leider entfallen ist, der aber so furchterregend prominent ist, daß noch seine Lebensgefährtin jeden Morgen in einem glanzumtosten Gala-Auftritt die Kita-Treppe herunterstolziert, nachdem sie ihre kleine Tochter glücklich in der Sonnenblumengruppe abgegeben hat, wo sie dringend Nachschub an Prominenz benötigt haben, nachdem die Tochter des Mimen Ben B. zur Schule geht und auch unsere kleine und bescheidene Prenzlberger Kita nicht ungestreift bleiben soll vom Ruhm. So wollten wir durch die Blume lästern über das Buch. Doch da sehen wir: Er ist drin. Letztgenannter Mime kommt vor. Sein Stiefvater auch. Und der ist in dem Adreßbuch sogar mit Adresse drin, die träumerisch lautet: "Wilmersdorf".

          Da geraten wir ins Grübeln. Steckt wohl doch was drin in dem Buch, welches da wimmelt von "annähernd tausend Prominenten, die zu allen Zeiten das geistig-kulturelle Leben Berlins geprägt haben" und zu denen ausdrücklich keinerlei Politiker gehören, wohl aber geistig-kulturelle Imponderabilien wie etwa Jugo Jenny (oder umgekehrt?), Hilde Hildebrand ("großen Wert legte sie darauf, daß ihr Name am Ende nur mit einem "d" geschrieben wird"), Brigitte Helm (deren rege Umzugstätigkeit detailliert dokumentiert ist, bis hin zum Punkt "Januar 1934, Hotel Esplanade") oder auch Herta Heuwer, die Erfinderin der Currywurstsoße, deren Gedenktafel sich hier ebenso getreulich abgetippt findet wie die von anderen herausragenden Berlinerinnen und Berlinern wie Maly Delschaft, Franz Kafka oder Ingeborg Drewitz, deren Gedenktafel der Nachwelt kündet: "In zahlreichen Gremien engagierte sie sich für die Belange der Literaten."

          Daß auch in der Welt der großen Geister vieles mit vielem zusammenhängt - wir erfahren es hier. So ist etwa Jörg Kachelmanns Großmutter irgendwann in den sechziger Jahren (oder auch danach) von der Tempelhofer Hoeppnerstraße in die Gontermannstraße gezogen, und wir können nur mühsam erahnen, welchen Einfluß dieser Einschnitt auf die späteren Wetterbeobachtungspräferenzen des Knaben Jörg hatte, über den wir keine Sekunde zu früh erfahren: "Die von ihm bevorzugte Station befindet sich in Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland, dem Geburtsort des ersten Deutschen im All, Sigmund Jähn." Auch erstaunt der pralle Humor, den die sonst so verrufenen dreißiger Jahre zu bieten hatten und der hier wieder ins rechte Licht gerückt wird: "Geflügeltes Wort in den Dreißigern: Was haben die BVG und Kapellmeister Barnabas von Géczy gemeinsam? Antwort: Die Initialen."

          All das sind herrliche Mosaiksteine auf dem Estrich unserer Unbildung, und erfreut nehmen wir zur Kenntnis, wie wenig das Berühmtsein einen volksnahen Kerl wie Manfred Krug verbiegen kann. Der gibt sich in einem faksimilierten Brief an den Autor ebenso bärbeißig wie im echten Fernsehen: "Ihren Brief habe ich erhalten und fordere Sie hiermit auf, meine sämtlichen Privatadressen nicht zu verwenden. Sie haben sich meine Adresse verschafft, auf welchem Wege, weiß ich nicht. Es fehlt Ihnen nicht nur meine und meiner Frau Erlaubnis zur Verwendung, sondern wir untersagen jegliche Veröffentlichung ausdrücklich. Alles andere, was Sie noch schreiben, steht seit Jahrzehnten in verschiedenen ,Who's Who's' und im Munzinger-Archiv. Was glauben Sie wohl, warum alle diese Werke auf die Nennung der Privatadressen verzichten?" Wir sagen: Bestens gebrüllt, Bär. Und schmökern ein wenig weiter, dabei der Tausenden Pforzheimer, Kasselaner und Mettmannesen gedenkend, die keine stickigen Busrundfahrten mehr in die Hauptstadt zu buchen brauchen, weil es jetzt endlich dieses längst überschüssige Buch gibt.

          KLAUS UNGERER

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