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Benoît Peeters: Jacques Derrida : Denkgebäude waren ihm gar nicht geheuer

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Einprägsames Lebensbild, Darstellung der Genese eines Werks und Panorama der frühen Wirkungen: Benoît Peeters hat eine große Biographie des Philosophen Jacques Derrida vorgelegt.

          Im deutschen Wissenschaftsbetrieb ist der Verweis auf den 1930 in Algerien geborenen Philosophen Jacques Derrida mitunter immer noch eine riskante Angelegenheit. Kein Wunder: Tatsächlich ist sein Denken dazu angetan, liebgewordenen Gewohnheiten im Umgang mit Sinn und Bedeutung den Boden zu entziehen. Die Möglichkeit verlässlicher Lektüren selbst wird in Frage gestellt. Gleichwohl, und das macht das Beeindruckende aus, ist Derridas Philosophie alles andere als willkürlich, sondern Ergebnis penibler Arbeit an den großen Texten der philosophischen Tradition.

          Benoît Peeters hat nun eine Biographie Jacques Derridas vorgelegt. Er sieht sich dabei gerechtfertigt durch den Philosophen selbst, der von wahrer Sammelwut geprägt war und alle möglichen Dokumente seines Lebens säuberlich verwahrte. Überdies hatte Derrida stets selbst ein besonderes Auge auf die Ränder bedeutender philosophischer Werke, auf die Parerga und Paralipomena, das Beiläufige, das im Studium der Texte sonst eher keine Berücksichtigung findet. Und hat er nicht selbst einmal den Wunsch geäußert, Hegel und Heidegger über ihr Sexualleben sprechen zu hören?

          Mit Heidegger und Marx gegen intellektuelle Moden

          Gleichwohl ist hier keine Klatschgeschichte entstanden, sondern eine diskrete, informative Biographie. Peeters erzählt von einer Kindheit und Jugend, die von der Erfahrung des Rassismus und der Ausgeschlossenheit bestimmt ist; der zwölfjährige Jackie, Sprössling einer jüdischen Familie, wird des Gymnasiums verwiesen, weil der Prozentsatz der an algerischen Schulen zugelassenen Juden gesenkt worden ist. Von dieser Erfahrung rührt Derridas offenes Ohr, das er später für Dissidenten, Ausgegrenzte und intellektuell Obdachlose hat. Er hat einen strenggläubigen Großvater, aber die rituellen Praktiken der Familie erscheinen ihm als hohl; er wird sich nie mit einer Gruppe identifizieren wollen, ist zu keiner Zugehörigkeit fähig und kritisiert eine Religionsausübung, die „spirituelle Behaglichkeit“ gewähren soll. Als er dann nach Paris geht, hat er einige Schwierigkeiten, an der traditionalistischen französischen Universität einen Platz zu erhalten und zu behaupten. Derrida heiratet eine Katholikin, hat mit ihr zwei Söhne; eine Geliebte bringt den dritten Sohn zur Welt, zu dem er aber keinen Kontakt hat.

          Die Biographie zeichnet die Genese des Werks nach und rekonstruiert die zeitgenössischen Diskussionszusammenhänge. Über die bloße Biographie Derridas hinaus wird hier eine gesamte Epoche besichtigt. Derrida steht im Austausch mit Foucault, Levinas und Lacan. Als Heidegger und Paul de Man wegen ihrer politischen Verstrickungen im Dritten Reich für viele als erledigt gelten, hält er an ihnen fest. Er äußert sich nicht zu Marx, als das Gros der französischen Intellektuellen links ist und es von ihm erwartet, und er schreibt über ihn, als nach dem Zusammenbruch des Kommunismus niemand mehr damit rechnet. So wird die beeindruckende Selbständigkeit seines Denkens deutlich.

          Wie eine Fliege, die die Gefahr erkannt hat

          Zugleich entsteht ein Panorama der frühen Rezeptionsgeschichte. Die Aufnahme in Deutschland ist zunächst verhalten. Peter Szondi holt Derrida nach Berlin, wo er bei den Komparatisten ein Seminar abhält. Unter den Zuhörern sitzt auch der junge Werner Hamacher - später „eine der wichtigsten Stützen Derridas in den Vereinigten Staaten und in Deutschland“. Mit Gadamer gibt es Gespräche, während Jürgen Habermas erst nach anfänglich schroffer Ablehnung zum Dialog bereit ist.

          Das Buch ist wertvoll nicht zuletzt durch eine Vielzahl von aufschlussreichen Selbstäußerungen und Kommentaren von Weggenossen, die dieses Werk beleuchten. Derrida schreibt in einem Brief: „Ich fühle mich weder in der Universität noch außerhalb der Universität zu Hause. Freilich, geht es darum, zu Hause zu sein?“ Ihm war es um eine Verschmelzung von Philosophie und Literatur zu tun, und er war befreundet mit Schriftstellern wie Jean Genet, Maurice Blanchot und Philippe Sollers. Gegenüber philosophischen Begriffen der Tradition, äußert er in einem Gespräch, fühle er sich „wie eine Fliege, die die Gefahr erkannt hat“. „Ich habe immer den Fluchtreflex gehabt, als würden mir bei der ersten Berührung, schon beim bloßen Nennen dieser Begriffe, die Flügel mit Leim verklebt wie der Fliege: gefangen, gelähmt, Geisel, in die Falle gelockt durch ein Programm.“ So wird sein zentraler Impuls nachvollziehbar, Geltungsansprüche zu hinterfragen und die Welt zu zerlegen, bevor er sie wieder zusammensetzt.

          Denken in einem jahrhunderteweiten Rahmen

          Peeters erwähnt den paradoxen Umstand, dass im Zentrum von Derridas Denken die Absicht steht, die Metaphysik der Präsenz zu dekonstruieren und den Mythos vom Vorrang der gesprochenen Sprache über die Schrift zu brechen, aber dass alle, die ihn persönlich gekannt haben, von seiner verführerischen physischen und intellektuellen Präsenz überwältigt waren und gebannt seinen oft mehrere Stunden dauernden mündlichen Vorträgen zuhörten. Beides aber, die körperliche Präsenz und die Spezifik der Stimme, ist in der Lektüre seiner Schriften nicht mehr wahrnehmbar.

          Das Buch kommt im rechten Augenblick. Nachdem sich die Aufgeregtheiten früherer Jahre gelegt haben, Moden und Polemiken gekommen und gegangen sind, ist es an der Zeit, sich dem Ernst und der Dimension dieser Philosophie zu stellen und sie in einem jahrhunderteweiten Rahmen zu sehen, dem beispielsweise auch die deutschen Frühromantiker zugehören. Peeters erzählt detailliert nach, wie Derrida sie erarbeitete. Sein Buch kann die Lektüre der Schriften nicht ersetzen, bietet aber eine Fülle interessanten Materials und lädt zu einer breiteren Rezeption eines faszinierenden Denkers des zwanzigsten Jahrhunderts ein.

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