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Bénédicte Savoy: Nofretete : Als eminente Gelehrte mit bestürzender Schärfe ihren Hass zeigten

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Auf den neu entfachten deutsch-französischen Streit um die Rückgabe der Nofretete-Büste reagiert Bénédicte Savoy, indem sie eine bisher unbekannte Akte veröffentlicht.

          Nefertiti? Wenige in Deutschland, wo die weltberühmte Büste der Nofretete aufbewahrt wird, kennen die englische und französische Form ihres Namens. Völlig unbekannt war bisher die Akte „Tete de Néfertiti 1925 - 1931“ der französischen Altertümerverwaltung, die Paris verwahrt. Die französische, in Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat sie nun übersetzt und publiziert. Sie reagiert damit auf den seit einigen Jahren neu angefachten Streit um die Rückgabe der Büste.

          Savoys minutiöse, anschauliche und flüssig geschriebene Untersuchung ist ein Versuch, der Verantwortung gerecht zu werden, in der die Kunsthistorikerin die moderne Archäologie sieht: „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist in aller Klarheit deutlich geworden, dass für Museen, Regierungen und Historiker die komplexe Frage der Restitution von Museumsobjekten, die in der Kolonialzeit ihren ursprünglichen Boden verließen, eine der großen Herausforderungen ist.“

          Eine Schlacht um die intellektuelle Vorherrschaft

          Folgerichtig schildert die Autorin zunächst, wie sich bei Nofretete das Verlassen des „ursprünglichen Bodens“ abspielte: Am 6. Dezember 1912 entdeckte der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt in Tell Amarna, dem Überrest der Hauptstadt des Pharao Echnatons und seiner Gemahlin Nofretete, die Büste. Am 20. Januar 1913 befindet sie sich unter mehreren Fundstücken, die gemäß einer neuen Verordnung der britischen Verwaltung „moitié exacte“, also in zwei gleiche Hälften zwischen Deutschland und der französischen, Ägypten vertretenden Altertümerverwaltung geteilt werden sollen. Der Beauftragte Gustave Lefebvre wählt einen herrlichen, reliefierten steinernen Klappaltar, an Borchardt fällt der „bunte Kopf einer Prinzessin“, der zwölf Jahre später das Entzücken der Welt werden wird.

          Er bedauere zutiefst, heißt es in einem Brief Borchardts an Gaston Maspero, den damaligen Direktor des Nationalmuseums in Kairo, dass „zusammengehörige Funde zerrissen werden mussten“. Dieser teilt die Ansicht. Denn im Wettlauf mit neuen Bewässerungssystemen, die viele noch im Erdreich verborgene altägyptische Objekte zu ruinieren drohten, sah er die einzige Rettung in ultraliberaler Ausgrabungspolitik. Maspero lud Archäologen aus allen Ländern Europas und Amerikas ein und überließ ihnen äußerst großzügig Funde.

          Das Wettrennen der Ausgräber aber - und mit ihm die Ägyptologie - wurde zur nationalistischen „Schlacht um die intellektuelle Vorherrschaft, in der herausragende Gelehrte mit bestürzender Schärfe ihren Hass auf den Feind bekundeten“.

          Im Bewusstsein vieler Deutschen würde sich etwas ändern

          Die Schlacht eskalierte während des Ersten Weltkriegs, wandte sich gegen die Deutschen und wurde nach 1918 fortgeführt. Pierre Lacau, seit 1914 Direktor des Museums in Kairo, schrieb 1919, es sei ihm „absolut unmöglich, an eine Zusammenarbeit mit einem Deutschen auch nur zu denken“. Er war es auch, der 1924, als in Berlin die Nofretete-Büste erstmals öffentlich ausgestellt wurde und sofort Sensation machte, mit scharfen Worten ihre Rückgabe forderte; der ägyptische Staat schloss sich an. Bis 1956, als Ägypten die Altertümerverwaltung in die eigene Hand nahm, dauerte der Konflikt an, Ende der neunziger Jahre erneuerte er sich. Wie 1925, als man die Vorwürfe, Borchardt habe betrogen, mit einer Publikation hätte entkräften können, bleiben auch heute die Teilungsprotokolle von 1913 unveröffentlicht. Selbst wenn sie wider Erwarten Tricks belegten, würde sich nichts an der Korrektheit und Gültigkeit der Übergabe ändern. Wohl aber am Bewusstsein vieler Deutscher, meint Savoy. Durch die NS-Raubzüge verstört, sind ihre Politiker und Archäologen leichter als andere betroffene Staaten von Appellen zu verunsichern.

          Auch Bénédicte Savoy sympathisiert mit den Rückgabewilligen: Der „überwältigende Eindruck des arabischen Frühlings“ lasse erkennen, „wie unzeitgemäß der kulturell determinierte Blick auf eine für demokratische Prozesse angeblich wenig prädestinierte Region war“. Zu den Plünderungen im Nationalmuseum und der bisherigen Praxis Ägyptens, seine Altertümer hemmungslos als Geldeinnahmequelle zu nutzen, äußert sich die Autorin in diesem Zusammenhang leider nicht.

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