https://www.faz.net/-gr3-oxwe

: Beim Schlafen kürzer treten

  • Aktualisiert am

Der Schlaf ist ein kulturabhängiger Körperzustand, wie eine Sittengeschichte des Schlafes in Japan vom Altertum bis hin zum postmodernen Schlafmanagement belegt. Im Umgang mit seinem regenerativen und anarchischen Potential äußern sich kulturelle Vorstellungen von Ausruhen, Arbeitsethik, Freizeit und Müßiggang.

          3 Min.

          Der Schlaf ist ein kulturabhängiger Körperzustand, wie eine Sittengeschichte des Schlafes in Japan vom Altertum bis hin zum postmodernen Schlafmanagement belegt. Im Umgang mit seinem regenerativen und anarchischen Potential äußern sich kulturelle Vorstellungen von Ausruhen, Arbeitsethik, Freizeit und Müßiggang. Ist Japan, fragt man sich angesichts der allmorgendlich im Schlummer versunkenen U-Bahn-Fahrgäste, vierundzwanzig Stunden lang geöffneter Supermärkte oder "Kapselhotels" für Angestellte, die den letzten Zug nach Hause verpaßt haben, eine "unausgeschlafene Gesellschaft"?

          Bei ihrem Versuch, den Schlaf in Ost und West ethnographisch einzufangen, unterscheidet Brigitte Steger zwischen dem nächtlichen Monophasenschlaf, der biphasischen Siesta-Kultur und schließlich dem Polyphasenschlaf bei kurzem Nachtschlaf, wie er in Nippons "Nickerchen-Kultur" exemplarisch zutage tritt. Von vormodernen mehrstufigen Schlafzyklen bei Tag und Nacht, die sich an biologischen Rhythmen und dem Kreislauf der Gestirne und Gezeiten orientierten, bis hin zum achtstündigen Monophasenschlaf, den japanische Mediziner und Sozialreformer in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts einforderten, erkennt die Autorin eine Entwicklung der Schlaforganisation im Sinne eines linearen Fortschritts. So wurden die Schlafrhythmen des Volkes dem Tempo der Moderne, dem monochronen Arbeitstakt der Maschinen und Institutionen angepaßt. Dennoch wurde der Schlaf nur oberflächlich verwestlicht.

          So scheinen sich im japanischen Schlafuniversum und in der Wohnphilosophie das taoistische Ineinanderfließen der Gegensatzpole Tag und Nacht widerzuspiegeln, wobei die Autorin auf die Multifunktionalität und Flexibilität der japanischen Innenarchitektur, von Schiebetüren bis hin zum Futon verweist. Dieselben Räume werden von den Familienmitgliedern, oft auch zeitgleich, zum Schlafen und Wachen verwendet, weshalb es weniger als in der bürgerlichen Einrichtung des Schlafzimmers im Westen zur Privatisierung und Intimisierung des Schlafens kam.

          Wichtiger als Wände, die den Schlaf bewachen, oder eine örtliche Trennung zwischen Schlafen und Wachen sei für die japanische Schlafpraxis ein gruppenbezogenes Geborgenheitsgefühl. Steger betont dabei die Rolle der Mutter, die laut einer Redewendung dafür Sorge trägt, daß niemand "außerhalb des Moskitonetzes" schläft, oder die Bedeutung der Anwesenheit eines vertrauten Menschentypus in der Anonymität der U-Bahn für die familiär und öffentlich in stabilen Bahnen verlaufende Schlafsozialisation.

          Die Schlaftoleranz im öffentlichen Raum ist also auch kulturell geprägt. Die Autorin wendet Erving Goffmans Konzept der Involviertheit in sozialen Situationen auf das Phänomen des U-Bahn-Schlafs und des Nickerchens an anderen öffentlichen Orten wie Schule, Arbeitsplatz oder Parlamentssitzungen an. Das japanische Wort für Nickerchen, "Inemuri", bedeutet "anwesend sein und schlafen", weshalb sie vom Schlaf als "untergeordneter Involviertheit" spricht. Professionelle Sitzungsschläfer beherrschen denn die Kunst, wichtige Stichwörter nicht zu überhören, beim Klatschen am Ende des Vortrags wieder aufzuwachen und die erste Frage zu stellen. Nickerchen am Arbeitsplatz und sogar im Schulunterricht werden in Japan als Zeichen von Überlastung sozial akzeptiert, toleriert oder ignoriert.

          Ironischerweise, so ein Ergebnis der interdisziplinären und in manchen Ansätzen originellen Studie, nähern sich die Tendenzen der Globalisierung, der Tele-Arbeitsplätze und postindustriellen Vierundzwanzig-Stunden-Gesellschaft wieder an die flexiblen Schlafmuster der Vormoderne an, als man aus Angst vor Erdbeben oder Einbrechern nachts nur kurz und tagsüber oberflächlich schlief.

          Heute sind kürzere Schlafzeiten weniger auf längere Arbeitszeiten denn auf vermehrte Freizeitaktivitäten zurückzuführen, was die Autorin mit der Politik der "Freizeiterschließung" seit den siebziger Jahren erklärt. So propagiert ein Bestseller in Japan aus dem Jahr 1982 "Die Vierstundenschlaf-Methode zum Gescheiterwerden" als Weg zum Glück.

          Im Zuge einer fortschreitenden Kolonialisierung der Nacht zerfließen schließlich die Grenzen zwischen Schlafen und Wachen. In der Dienstleistungsgesellschaft avanciert der Schlaf, einst das einzige "Freizeitvergnügen" der Proletarier, zum Luxusgut, das teuer erkauft werden kann. Das Buch berichtet neben "Mittagsschlafzimmern" für Angestellte von öffentlichen "Konzerten zum Schlafen", bei denen per Synthesizer erzeugtes Vogelgezwitscher oder Bachgeplätscher die Großstädter in einen natürlichen Schlaf wiegen soll.

          STEFFEN GNAM

          Brigitte Steger: "(Keine) Zeit zum Schlafen?" Kulturhistorische und sozialanthropologische Erkundungen japanischer Schlafgewohnheiten. LIT Verlag, Münster 2004. 504 S., br., 34,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Das Virus ist viral

          Intellektuelle in der Pandemie : Das Virus ist viral

          Du kannst Google nur fragen, was du schon weißt: Ein Telefongespräch zwischen dem Dramaturgen Carl Hegemann (Berlin) und dem Kulturtheoretiker Boris Groys (New York) über die Infektion des Intellekts im Internet.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.
          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt es nichts Gutes.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.