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: Bei sich selbst hat er immer gern geklaut

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Als die letzte Frau den letzten Mann verläßt, acht Jahre nach der atomaren Apokalypse, fällt die Trennung beiden schwer. "In 8 Tagen bereu ichs schon", ahnt Lisa, läßt dem Verlassenen aber noch eine vage Hoffnung auf ein Wiedersehen: "Du bleibst ja hier, und ich weiß immer, wo meine letzte Zuflucht sein ...

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          Als die letzte Frau den letzten Mann verläßt, acht Jahre nach der atomaren Apokalypse, fällt die Trennung beiden schwer. "In 8 Tagen bereu ichs schon", ahnt Lisa, läßt dem Verlassenen aber noch eine vage Hoffnung auf ein Wiedersehen: "Du bleibst ja hier, und ich weiß immer, wo meine letzte Zuflucht sein kann: -?!" Die keineswegs kitschfreie Liebesgeschichte in Arno Schmidts Roman "Schwarze Spiegel" von 1951 ist damit an ein Ende gekommen - ein vorläufiges, wie sich jetzt zeigt. Denn aus dem Nachlaß Arno Schmidts ist nun der Plan für einen Text "Schwarze Spiegel II" aufgetaucht, in dem der Autor sechs Jahre nach dem ersten Teil ruppig mit der früheren Romantik aufräumen wollte. Über den Ich-Erzähler heißt es in der Skizze: "Er hat jetzt 40 Jahre einsam gelebt und ist 80: da kommt Lisa zurück! Schrecklich, 90jährig, zaundürr. / Sie sitzen ein paar Herbsttage zankend beisammen. / Strenger Winter / Sie besaufen sich, zünden das Haus an; und legen sich - einige 30 Meter weg voneinander in den Schnee: es fängt ganz fein & trocken an zu schneien."

          Der mehr als vierhundert Seiten starke Band mit Fragmenten Arno Schmidts, der jetzt als erstes Supplement zur großen Werkausgabe erschienen ist, wartet mit zahlreichen frappierenden Funden innerhalb eines überaus heterogenem Materials auf, das der Autor, der an diesem Sonntag neunzig Jahre alt geworden wäre, hinterlassen hat. Da sind Notizzettel und halbfertige Funkessays, Bilder, Exzerpte, eine Reihe autobiographischer Texte und kleine Ansprachen - etwa die Reden, die er 1955 und 1956 für Eberhard Schlotter schrieb, als der sich verzweifelt an den Freund wandte, weil er als Präsident der Darmstädter Sezession Laudationes zu halten und Ausstellungen zu eröffnen hatte. Schlotters Dankbarkeit überliefert das Tagebuch Alice Schmidts.

          Nicht alles ist neu - enthalten sind auch jene mittlerweile bekannten Stücke wie die Fragmente "Brüssel" oder "Die Feuerstellung" (F.A.Z. vom 16. März 2002), ebenso ein Teil des ebenfalls schon separat publizierten "Lilienthal"-Konvoluts erscheint hier ein weiteres Mal. Es ist ein kleines Manko dieser sonst ansprechenden Edition, daß bei den bereits erschienenen Texten nur unvollständig auf die Erstdrucke verwiesen wird. Und natürlich wird man viel von dem wiedererkennen, was Schmidt später in anderer Form veröffentlicht hat - "an sich selbst" begehe man schließlich "kein Plagiat" heißt es oft genug im Werk und in den Briefen des Autors, und so hat vieles des hier Gebotenen als Steinbruch gedient, einzelne Formulierungen oder ganze Absätze, und der Reiz dieser Nebenstücke zum bereits Publizierten ist naturgemäß von Fall zu Fall sehr unterschiedlich.

          Der Freude an den Texten tut dies jedoch keinen Abbruch. Immer wieder liest man sich fest in den Prosaskizzen und Plänen, in den tatsächlich ganz unterschiedlichen Frühformen der Erzählung "Kühe in Halbtrauer" etwa, der knappen Rundfunkfassung des "Gadir" mit einem erhellenden eingeschriebenen Kommentar, der das Stück einleitet, vor allem aber dem großartigen, überaus szenisch gehaltenen Radiodialog über den mittelhochdeutschen "Ruodlieb"-Roman. Den stuft Schmidt als Vorläufer eines realistischen Literaturkonzepts ein und wirbt so warm und kenntnisreich für das fragmentarisch überlieferte Werk, daß man sich von Herzen über Schmidts Unlust grämen kann, diesen Dialog mit dem Titel "So fing es an" auch zu einem Ende zu bringen. An den Rand des 1957 begonnenen Textes schreibt er vier Jahre später die Bemerkung: "an sich ganz lustig - aber ich finde den Faden nicht mehr".

          Diese geringe Freude am begonnenen, liegengelassenen und irgendwann wieder hervorgezogenen Text hegt Schmidt nicht nur dem Ruodlieb-Essay gegenüber. Auch einen im ersten Entwurf ausgeführten (und heute leider seines Anfangs beraubten) Radiodialog zu Holberg kommentiert Schmidt 1957 im Tagebuch nach neuerlicher Lektüre: "recht, recht mäßig geworden! (nochmal umarbeiten?)".

          Die meisten dieser Fragmente stammen aus den fünfziger Jahren. Neben den Varianten zu später gedruckten Texten sind vor allem die aufgegebenen Pläne von Interesse. Daß einige von ihnen nicht ausgeführt wurden, wird man nicht allzu sehr bedauern, etwa im Fall der für einen literarischen Wettbewerb entworfenen Geschichte "Dichter machen", deren Skizze tatsächlich ganz uninspiriert wirkt. Andere lassen in dem wenigen, was Schmidt notierte, ein faszinierendes und ausgefeiltes Gedankenspiel erkennen, etwa im rätselhaften Stück "Birdo's Wald oder Das Reich des Übergangs", das offenbar am Hadrianswall in der Spätantike spielen sollte, mit sanften Anklängen an die Artusepik, und die Herausgeber vermerken dazu, "im Archiv der Arno Schmidt Stiftung" gebe es "noch eine Mappe mit Materialien zu ,Birdo's Wald' (Fotos, Karten, Exzerpte und Broschüren)." Darüber wüßte man gerne mehr.

          Arno Schmidt: "Fragmente". Bargfelder Ausgabe, Supplemente Bd. 1. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 432 S., geb., 49,- [Euro].

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