https://www.faz.net/-gr3-obqp

: Bei Schadenzauber hörte der Spaß auf

  • Aktualisiert am

Als das Archiv der römischen Inquisition 1998 offiziell zugänglich wurde, versuchte ich, im Fernsehen deutlich zu machen, daß nach dem seinerzeitigen Wissensstand, der sich inzwischen bestätigt hat, von diesem Schritt weder neue Skandale à la Galilei noch neue blutrünstige Hexenprozesse mitteleuropäischen Zuschnitts zu erwarten seien.

          Als das Archiv der römischen Inquisition 1998 offiziell zugänglich wurde, versuchte ich, im Fernsehen deutlich zu machen, daß nach dem seinerzeitigen Wissensstand, der sich inzwischen bestätigt hat, von diesem Schritt weder neue Skandale à la Galilei noch neue blutrünstige Hexenprozesse mitteleuropäischen Zuschnitts zu erwarten seien. Aber die einzige Reaktion meines damaligen Gegenübers war dennoch: Jetzt erklären Sie unseren Zuschauern bitte noch, wie die Inquisitoren die Hexen gefoltert haben! Solchermaßen über den einschlägigen Mediendiskurs im Bilde, erschien mir ein Buchtitel, der aus den geheimen Akten der Inquisition Neues über Päpste und Hexen verspricht, höchstens gekonnte Vermarktungsstrategie anzuzeigen, fehlt doch nur die Frauenfeindschaft von den Reizwörtern des modischen Antiklerikalismus.

          Irrtum! Unter dem reißerischen Titel verbirgt sich eine gut lesbare und vor allem unanfechtbar seriöse Darstellung von einem ausgewiesenen Sachkenner. Neben ein paar kleinen Irrtümern kann man ihr höchstens den Vorwurf machen, daß sich allzu viele ihrer Illustrationen auf die spanische Inquisition beziehen, von der aus guten Gründen im Text nur am Rande die Rede ist, hatte sie doch mit der päpstlichen Inquisition, um die es gehen soll, wenig zu tun. Gewiß, der Verfasser hat im römischen Inquisitionsarchiv einige interessante Funde zu Nekromanten und zur Hexenverfolgung in Graubünden im siebzehnten Jahrhundert gemacht. Aber das meiste hat er der neueren Forschungsliteratur entnommen, in der er sich hervorragend auskennt. So gelingt ihm eine überzeugende Gesamtdarstellung, obwohl es nicht einfach war, den uneinheitlichen Stoff zu einer solchen zusammenzufügen.

          Denn nicht nur, daß die Päpste sich eher selten mit Aberglauben und nur ausnahmsweise mit Hexen befaßt haben. Weit schwerer wiegt, daß ihr realer Einfluß auf die Gesamtkirche ungeachtet ihrer vollmundigen Proklamationen bis ins neunzehnte Jahrhundert eher gering blieb, so daß auch die mittelalterliche Inquisition dezentral organisiert und nicht eigentlich päpstlich war. Die längste Zeit wurden die Päpste nur ausnahmsweise auf eigene Initiative tätig (motu proprio), in der Regel nur auf Anfrage oder Antrag von Bittstellern (per rescriptum). Eine päpstliche Inquisition mit einem bis 1998 fast unzugänglichen Archiv gab es erst seit 1542. Und deren erfolgreiche Tätigkeit blieb im wesentlichen auf Italien beschränkt. Im Gegenteil, es gehört zu den verblüffendsten Erkenntnissen aus diesem Buch, wie wenig die römischen Instanzen einerseits, die mitteleuropäischen Hexenverfolger andererseits sich auch zur Zeit des großen Hexenwahns des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts in Theorie und Praxis gegenseitig zur Kenntnis genommen haben! Das mag damit zu tun haben, daß die Hexenverfolgung nur in den Jahrzehnten um 1500 von Inquisitoren, ansonsten aber, und vor allem zu Zeiten des großen Wahns, vorwiegend von weltlichen Instanzen, ja vom Volk selbst betrieben wurde.

          Weitere Themen

          Wen der Algorithmus liebt

          FAZ Plus Artikel: Geld dank Youtube? : Wen der Algorithmus liebt

          Die neuen Influencer-Millionäre? Die gibt es schon, ja. Doch neben den erfolgreichen Youtubern existiert auf der Videoplattform auch ein großes Digitalprekariat. Ein Blick auf Zahlen und Finanzen.

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.