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Beat Wyss: Die Pariser Weltausstellung 1889 : Auf ein Bockbier mit den Tempeltänzerinnen

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Die Herren trugen noch sehr merkwürdige Hüte, aber die Welt war schon im Begriff, sehr übersichtlich zu werden: Beat Wyss erschließt sich die Pariser Weltausstellung von 1889 aus ihren Bildern.

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          Die großen Weltausstellungen des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts erscheinen in ihrer Verbindung aus kommerzieller Leistungsschau, Vergnügungspark und Manifestation kolonialer Machtansprüche wie Testläufe einer frühen Globalisierung. Ursprünglich konzipiert als Fachmessen für Hersteller und Händler, wurden sie rasch zu spektakulären Großveranstaltungen, auf denen aus allen Weltteilen eingeschiffte Handwerker und Künstler das Schauspiel ihrer Kultur aufführten.

          Der Kunsthistoriker Beat Wyss hat der Pariser Weltausstellung von 1889 jetzt ein schönes Buch gewidmet, das dieses Unternehmen als Versuch beschreibt, die Welt als homogenen Ort der Erfahrung für ein Massenpublikum lesbar zu machen. „Auch in einem Kaffeelöffel spiegelt sich die Sonne“, zitiert der Autor eine Maxime Siegfried Giedeons und nennt damit zugleich das Motto seines eigenen Projekts, das keine erschöpfende Abhandlung sein will, sondern die Weltausstellung durch das Brennglas einer einzigen Quelle betrachtet: das reichillustrierte „Journal de l'Exposition“, das den Veranstaltern als offizielles Sprachrohr diente.

          Kolonialer Kulturauftrag

          Wyss entwirft ein anschauliches Bild der Weltausstellung, das die zeitgeschichtlichen Hintergründe beleuchtet, aber auch scheinbar nebensächlichen Erscheinungen wie den allgegenwärtigen Imbissständen ihre kulturhistorische Bedeutung zu geben vermag. „Exotisch essen: Das ist eine Form, die Kultur des Anderen zu kannibalisieren. Im Essen wird die Distanz zur Welt physisch überwunden.“

          Die Weltausstellung kannte freilich noch weitere Spielarten der Kannibalisierung. So wurden die meisten Länderpavillons vorsorglich von französischen Architekten entworfen, um das Erscheinungsbild der anderen Kultur nicht durch unvorhergesehene Fremdheit komplizierter zu machen. Den architektonischen Masterplan aber lieferte Charles Garnier, Architekt der Pariser Oper, der mit seinem architekturhistorischen Parcours die „Geschichte der menschlichen Behausung“ von der Steinzeithöhle bis zum jüngst vollendeten Eiffelturm in Szene setzte. Wyss macht deutlich, in welchem Maß diese Erzählung mit den damaligen Lehrmeinungen der Ethnologie korrespondierte und dem kolonialen Kulturauftrag die architekturhistorische Anschaulichkeit liefern sollte. Zugleich wird jedoch auch sichtbar, wie sehr das didaktische Großunternehmen an seinen Rändern zu entgleiten drohte.

          Literarische Montage

          Garniers architektonischer Lehrpfad wurde zum beliebtesten Picknickplatz der Weltausstellung, an dem man Bockbier trank und mit antiken Griechinnen im Pariser Dialekt plauderte. Immer wieder mussten die Veranstalter erfahren, wie schwer die erbetene Authentizität in der gewünschten Reinheit zu haben war. Als der Ausstellungsleitung zu Ohren kam, dass den Gästen im marokkanischen Pavillon Tee aus China ausgeschenkt wurde, entzog sie den Händlern unversehens die Bewilligung. Zwar konnten diese Händler darauf verweisen, dass auch in Marokko aus China importierter Tee getrunken werde, aber solche Formen des ungeplanten Austauschs irritierten die Pariser Weltordnung.

          In seinem „Passagenwerk“ hat Walter Benjamin das Paris des neunzehnten Jahrhunderts in Gestalt einer literarischen Montage dargestellt. Er wolle weniger etwas sagen als vielmehr zeigen, schrieb Benjamin, und die Teile seiner Montage „auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden“. Was bei Benjamin die schriftlichen Exzerpte des vergangenen Jahrhunderts sind, das sind bei Wyss die Illustrationen. Sie bilden eine eigene, fortlaufende Bilderzählung, die den Text wie eine zweite Stimme flankiert. Nur selten wird im Text direkt auf ein einzelnes Bild Bezug genommen. Der Kommentar will den Illustrationen nicht zu nahe treten, sie nicht restlos entziffern und erschöpfend analysieren.

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