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Barbara Wildenhahn: Feuilleton zwischen den Kriegen : Mit Kraft macht man Kultur

Bild: Verlag

Barbara Wildenhahn untersucht am Beispiel der „Frankfurter Zeitung“ und der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ das Feuilleton der Weimarer Republik und entdeckt dort den Übergang zu einem naturwissenschaftlich geprägten Denken als neuer Leitkultur.

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          Die Weimarer Republik war ein Höhepunkt des deutschen Zeitungsfeuilletons. Legendäre liberale Blätter wie die „Frankfurter Zeitung“, das „Berliner Tageblatt“ oder die „Vossische Zeitung“ hatten ihre Gipfel als politische Kommentatoren des Zeitgeschehens schon hinter sich - sie lagen im Kaiserreich und dabei vor allem im Ersten Weltkrieg, als die regierungskritischen Journalisten beim „Tanz zwischen Dornenspitzen“, wie Theodor Wolff, der langjährige Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“, die Arbeit unter Bedingungen der Kriegszensur nannte, bewundernswerte Klarsicht bewahrt hatten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In der von ihnen erwünschten und mit erkämpften Republik verloren diese Zeitungen dann ihre Vorreiterrolle, doch sie blieben meinungsprägend durch ihre Feuilletons, die damals wirklich noch „unter dem Strich“, also jeweils am unteren Ende der Seiten zu finden waren. Dort und in den seinerzeit noch redaktionell separierten „Literaturblättern“ bildete sich ein kulturpolitischer und gesellschaftskritischer Diskurs heraus, der zum Nährboden werden sollte für das, was Horkheimer und Adorno, die beide mit und in diesen Zeitungen sozialisiert wurden, später als „Kritische Theorie“ etablierten.

          Die gedemütigte Kulturnation

          Barbara Wildenhahn tut deshalb recht daran, zur Grundlage ihrer Analyse zweier bedeutender deutscher Feuilletons aus der Weimarer Zeit jene Konzeption zu nehmen, die Adorno 1958 in seinem Aufsatz „Der Essay als Form“ entwickelt hat: Sprache weist gestalt- wie formbildendes Potential auf - als Garantin des „Neuen“, wie einer der drei von Wildenhahn untersuchten Zentralbegriffe des feuilletonistischen Schreibens und Bewertens jener Jahre lautet. Das Neue war der Zug der Zeit: in der neuen Republik und in der neuen Situation einer durch die Weltkriegsniederlage gedemütigten Kulturnation. Auf beides galt es Antworten zu finden, und Literatur und Feuilleton rangen darum. Einen Ausweg fanden sie in Paradigmen, die nicht mehr aus den enttäuschenden Erfahrungen des unmittelbar Politischen gewonnen wurden, sondern aus dem sich am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zur neuen Leitkultur entwickelnden naturwissenschaftlichen Denken. Kein Wunder, dass die anderen zwei Begriffe, die im Mittelpunkt von Wildenhagens Aufmerksamkeit stehen, „Leben“ und „Kraft“ lauten.

          Grundlage dieser Dissertation sind die Artikel der Kulturteile der schon erwähnten „Frankfurter Zeitung“ (FZ), deren Feuilleton die Konstanzer Kulturhistorikerin Almut Todorow in den neunziger Jahren vollständig erschlossen hat, und der noch nicht wissenschaftlich aufbereiteten „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (DAZ), die nach dem Ersten Weltkrieg aus der früheren „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ hervorging, jenem Berliner Blatt, das von Bismarck zum offiziösen Sprachrohr der kaiserlichen Regierung gemacht worden war. Wildenhahn hat also eine liberale und eine konservaive Zeitung ausgewählt, die aber beide begehrte Foren für die intellektuellen Debatten der zwanziger Jahre waren. Sie legt zudem in die Fülle der in anderthalb Jahrzehnten erschienenen Artikel drei zeitliche Längsschnitte: 1919, 1925 und 1929, um die Genesen der von ihr speziell untersuchten Begriffe zu rekonstruieren.

          Die methodische Einführung der ersten Hälfte des Buches ist notgedrungen theorielastig und in einigen Punkten redundant. Doch die sich daran anschließende Textanalyse, deren Nachvollzug dadurch erleichtert wird, dass im Buch einundzwanzig Artikel aus FZ und DAZ vollständig nachgedruckt sind, ist immens detailreich und klug.

          Argumentationsstrukturen im Blick

          Wildenhahn hat weit über die beiden Feuilletons hinaus die kulturellen Reizthemen der Weimarer Zeit untersucht und kann so über die Formdiskussion hinaus auch ein intellektuelles Profil jener Jahre erkennbar machen, das die Frontbildungen zwischen links und rechts, liberal und konservativ, radikal und reformerisch, die letztlich das Ende der Republik begünstigten, von Beginn an abbildete. Faszinierend, wie etwa die gesellschaftliche Funktion des Romans in beiden Zeitungen diskutiert wurde: jeweils in klarer Abgrenzung zum ehedem vorherrschenden Naturalismusideal, aber auch unversöhnlich gespalten in der jeweiligen Erwartungshaltung ans kritische Bewusstsein eines Autors.

          Doch die Gräben verliefen auch innerhalb der Redaktionen. Die Rezeption nach Erscheinen von Thomas Manns „Zauberberg“ bietet dafür ein Beispiel. In der FZ erschien zunächst ein harscher Verriss, doch ein halbes Jahr später gab das Blatt einer Gegenmeinung Raum, die Thomas Mann so erfreute, dass er deren Autor, Karl Alphéus, persönlich dankte. Nur wenige Schriftsteller waren „neutrale“ Gegenstände journalistischer Aufmerksamkeit, denn fast alle waren für die wichtigen deutschen Zeitungen als Beiträger tätig, und entsprechend fiel manche Rezension aus. Doch nicht das Urteil interessiert Barbara Wildenhahn, sondern die Struktur der Argumentation, und da kann sie einen von links bis rechts durchgehenden Zug in den Feuilletons nachweisen, der tatsächlich die politische Komponente wieder der formalen unterwirft.

          Ein Blick zurück

          Das Interessante daran ist nun, dass diese Einstellung von den Feuilletonisten durchaus reflektiert wurde und dennoch immer noch ein stark politischer Impetus den Kulturjournalismus prägte. Erst Adorno, der gelegentlich für die FZ schrieb, hat dieses scheinbare Paradox aufgelöst, als er das Formbedürfnis einer kritischen Position zur Welt in den Mittelpunkt seiner ästhetischen Theorie stellte. So ist aus Feuilletondebatten vor beinahe hundert Jahren eine der wirkungsmächtigsten philosophischen Positionen des zwanzigsten Jahrhunderts erwachsen.

          Wie viel uns dennoch von dieser Glanzzeit trennt, zeigen die Begrifflichkeiten, das Pathos und die Themen der Feuilletons der zwanziger Jahre. Es ist eine andere Welt, die da noch einmal aufscheint - intellektuell höchst herausfordernd, aber dann untergegangen, weil sie den Primat der Politik eben doch nicht überwinden konnte.

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