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Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall : Im Zwergenland steckte noch eine Zukunft

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Bild: Zsolnay Verlag

Romantische Realistin und Grande Dame des österreichischen Journalismus: Barbara Coudenhove-Kalergi legt ihre bewegenden Lebenserinnerungen vor.

          5 Min.

          Als Pragerdeutsche, die vor bald siebzig Jahren aus ihrer Heimatstadt vertrieben wurde, gehört Barbara Coudenhove-Kalergi zu einer immer seltener werdenden, kostbaren Spezies. Um ihre Vorkriegsherkunft aus einer böhmischen Adelsfamilie kreisen ihre lesenswerten Erinnerungen aber nur teilweise. Denn was die Autorin als Journalistin in Wien später aus ihrem Leben gemacht hat, führte sie immer wieder zurück nach Mitteleuropa, wo seit Jahrhunderten die Auseinandersetzungen von Völkern, Sprachgemeinschaften, Kriegsallianzen in individuelle Dramen münden.

          Ihre Lebensbilanz - man darf das trotz der beeindruckenden Vitalität der Grande Dame des österreichischen Journalismus, die heute Asylbewerbern Deutschlektionen gibt, ruhig so nennen - hält stets die Balance zwischen ihrem eigenen Schicksal und dem relativierenden Blick auf die Historie.

          Unheroischer Opportunismus gegenüber den Nazis

          Mag sein, dass Barbara Coudenhove-Kalergi diese geschichtliche Vogelschau von ihrem Herrn Papa geerbt hat. Der urteilte, als die Familie 1945 zu Fuß und ohne Gepäck in Richtung deutscher Grenze abgeschoben wurde, mit adligem Stoizismus: Die Historie habe die Familie vor langer Zeit nach Böhmen hineingespült, nun werde sie eben herausgespült. Ansonsten wirkt der Vater der Autorin freilich mit seinem unheroischen Opportunismus gegenüber der Naziherrschaft, mit seinem Dégout vor jüdischen Schwägerinnen und einem ständischen Überlegenheitsgefühl gegenüber der tschechischen Mehrheit in Prag recht unsympathisch.

          Ohne Beschönigung schildert die Autorin, die im Krieg immerhin ihre Schulzeit im Familienschloss Breznitz mit Dienerschaft absolvieren konnte, die tragische Segregation der Deutschböhmen von den deutschsprachigen, später ausgerotteten Juden sowie den Tschechen, deren wunderschönes Idiom die aristokratische Verwandtschaft als „Dienstbotensprache“ abzutun pflegte.

          Verdrängungsmentalität im Österreich der Zweiten Republik

          Genau diese Ignoranz gegenüber der Mehrheit legte den Grundstein für die Vertreibung. Von ihrem Onkel Richard, genannt „Dicky“, der als hellseherischer Gründer der Paneuropa-Union lange auf verlorenem Posten einen Gegenentwurf zu diesem verheerenden Nationalismus vertrat und heute als Urgestein der europäischen Einigung gilt, ist dann aber leider kaum die Rede.

          Recht mittellos im abgelegenen Salzburger Lungau in einem Familienjagdhaus gelandet, bekam die Autorin im Nonneninternat einen kargen Freitisch. Es war ein Abstieg vom Großgrundbesitz zur Volksküche, beileibe nicht in allem ein Verlust. Gerade die dumpf-katholische Verdrängungsmentalität im Österreich der Zweiten Republik ging dieser wachen Frau zunehmend auf die Nerven: „Weder auf der Universität noch in den Redaktionen, in denen ich arbeite, kommen die Ereignisse zwischen 1938 und 1945 vor. Judenverfolgung? Denunziationen? Arisierungen? Auschwitz? Mauthausen? Die Österreicher, die an alldem beteiligt waren? Fehlanzeige.“

          Wo aus Furcht vor jeder Kontaminierung durch die große Westmark sogar die Deutschlektionen im Zeugnis unter dem neutralen Rubrum „Unterrichtssprache“ auftauchen mussten, wo zugleich aber langlebige nationalsozialistische Kulturgebräuche gerade im Schulwesen stillschweigend geduldet wurden, fühlte sich Coudenhove-Kalergi in ein alpines Liliput verschlagen: „Ein ziemlich spießiges Zwergenland noch dazu.“

          Dem Mief der provinziellen Proporzgesellschaft entzieht sich die Autorin durch ihr Studium in Wien, das mit seinem Abglanz von kaiserlicher Grandeur, vor allem aber mit einer quicklebendigen Kulturszene um Künstler wie Hrdlicka und Rainer, Denker wie Jungk und Anders, Schriftsteller wie Hilde Spiel und Thomas Bernhard eine Generation lang ein Abendrot von Weltformat besaß - während angelsächsische Diplomaten die ausgeblutete Politszene bereits gnadenlos kommentierten: In der Hofburg werde die große Oper jetzt von den Komparsen gesungen.

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