https://www.faz.net/-gr3-s0ln

: Ballade vom preußischen Ikarus

  • Aktualisiert am

Wäre es nach den Brüdern Lilienthal gegangen, sähen Flugzeuge wie Fledermäuse aus. Flatternd höben sie ab und am Himmel schlügen sie mit den Schwingen. Daß Flugzeuge anders aussehen, belegt letztlich das Scheitern der Brüder. "Die Idee aber vom künstlichen Vogel, der sich flügelschlagend in die Luft ...

          3 Min.

          Wäre es nach den Brüdern Lilienthal gegangen, sähen Flugzeuge wie Fledermäuse aus. Flatternd höben sie ab und am Himmel schlügen sie mit den Schwingen. Daß Flugzeuge anders aussehen, belegt letztlich das Scheitern der Brüder. "Die Idee aber vom künstlichen Vogel, der sich flügelschlagend in die Luft erhebt", so beschließen Manuela Runge und Bernd Lukasch ihre spannende Biographie über die Geschwister, "ist Vision geblieben." Kann es ein vernichtenderes Urteil über das Lebenswerk zweier Erfinder geben?

          Vielleicht läßt sich aus der Geschichte der Brüder Lilienthal lernen, daß die glorreichsten Erfindungen meistens jene sind, welche die Welt nicht braucht. Der "Normalsegelflugapparat", den Otto Lilienthal 1893 auf der Maihöhe in Steglitz vorführte, machte nicht einmal als Extremsportgerät Karriere. Doch verdienen die Lilienthals nicht bloß deshalb Bewunderung, weil sie in einer Berliner Turnhalle den Zusammenhang von Auftrieb und Luftwiderstand an gewölbten Flächen entdeckten und damit die Technikgeschichte beflügelten. Helden waren sie als wahre Verschwender von Einfällen, die nur zum Teil auf fruchtbaren Boden fielen - und deren Früchte meistens andere ernteten.

          Es ist fast unverschämt, was die 1848 und 1849 geborenen Brüder Otto und Gustav Lilienthal alles erfunden haben - unter anderem das Nebelhorn, den Modellbaukasten und die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Folgt man dem Porträt "Erfinderleben", so verdankt sich der Ausstoß an Produktideen sowohl dem Treibhausklima der Gründerzeit als auch der Familiengeschichte. Jedenfalls weht durch dieses Buch ein Hauch von Vitalismus: Es erzählt von zwei auf Lebenszeit zusammengeschweißten Sanguinikern, die vom Lebenssaft durchströmt wurden und die von Kohlenstaub geschwängerte Luft ihrer Zeit tief einatmeten.

          "Unser Kulturleben krankt daran", schrieb Otto Lilienthal 1894 an den Sozialethiker Moritz von Egidy, "daß es sich nur an der Erdoberfläche abspielt." Tatsächlich stand hinter den Basteleien der Brüder Lilienthal stets der Wille, den Zwängen des Erdendaseins zu entkommen. Freiheitsdrang erfüllte schon das Anklamer Elternhaus: Mutter Caroline, die ums Haar am Theater gelandet wäre, und Vater Gustav, der als Tuchhändler 1848 auf die Berliner Barrikaden gehen wollte, planten nach dem Scheitern ihrer Utopien sogar die Auswanderung. Nur der Tod des Vaters verhinderte 1861, daß die Brüder Lilienthal ihr deutsches Tüftlertum mit amerikanischem Unternehmertum kreuzen konnten. Sonst wären aus ihnen womöglich exzentrische Millionäre geworden wie der in Martin Scorseses "Aviator" verewigte Flugpionier Howard Hughes.

          So aber sollten die Brüder Lilienthal, obwohl ihnen eine Unzahl von Projekten glückte, Pechvögel bleiben. Ihre beste Geschäftsidee, einen Steinbaukasten für die Kinderstube, verramschten sie an die Konkurrenz. Die baute dann mit den "Anker-Steinbausteinen" aus Firnis-Kreidemasse ein weltweites Imperium auf. Als die Lilienthals später zum Gegenangriff rüsteten und den Weltmarkt mit aus anderem Material gefertigten Steinen zurückerobern wollten, brannte ihre in Paris eröffnete Bauklotzfabrik ab.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.