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Bärbel Meurer: Marianne Weber : Die Rationalismus-Idee hatte er von ihr

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Vom Ehealltag mit Max Weber bis zur Frauenbewegung. Die erste Biographie über die Frauenrechtlerin und Rechtshistorikerin Marianne Weber enthält viele Fehler und vertut so eine große Chance. Unterhaltsam ist sie trotzdem.

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          Mit dem Fortschreiten der Max Weber-Gesamtausgabe ist die wahrlich große Leistung sichtbar geworden, die Marianne Weber nach dem frühen und plötzlichen Tod ihres Mannes am 14. Juni 1920 vollbracht hat. Die Witwe hat von Freunden, Kollegen und Bekannten die Briefe des Verstorbenen erbeten, alle hinterlassenen Manuskripte gesichtet, geordnet und größtenteils ediert, sowie in nur fünf Jahren jenes „Lebensbild“ geschrieben, das bis heute die Grundlage aller biographisch orientierten Weber-Forschung ist.

          Weber-Philologen mögen manche editorische Entscheidung, insbesondere bei der Komposition von „Wirtschaft und Gesellschaft“, für falsch halten. Dennoch muss man Marianne Weber hohen Respekt zollen. Erst durch ihre editorische Arbeit ist Max Weber zu jenem Klassiker der Soziologie geworden, der weltweit als faszinierend prägnanter Diagnostiker des modernen okzidentalen Rationalismus verehrt wird.

          Unkenntnis wichtiger Quellen

          Indem Marianne sich nach dem Tod von Max ganz der Pflege seines Werkes hingab, hat sie ihn gleichsam wieder zu sich zurückgeholt. Denn die Ehe stand gerade in den letzten Jahren unter einem wenig glücklichen Stern. Max hatte sich, nach seiner Liebesbeziehung zu Mina Tobler, in Else von Jaffé, geborene von Richthofen, verliebt und mit ihr seit dem Spätsommer 1918 eine auch sexuell intensive und emotionsdichte Beziehung begonnen, die Marianne tief verletzt zu haben scheint. Bärbel Meurer will in ihrer Lebensgeschichte Marianne Webers, der ersten Biographie, davon allerdings nichts wissen.

          Klar gegen die überlieferten Quellen, etwa die pathetischen Liebesbriefe von Max an Else, spricht sie von „im Vergleich eher marginalen tatsächlichen oder vermuteten Beziehungen Max Webers zu anderen Frauen“, spekuliert an anderen Stellen aber über die „recht rätselhafte späte Liebesbeziehung Webers zu Else Jaffé“ - mit viel vulgärpsychologischen Zutaten. Die siebenundzwanzigjährige Ehe von Max und Marianne sei „in jeder Hinsicht eine glückliche Ehe“ gewesen. Dies kann nur schreiben, wer selbst wichtige Quellen nicht kennt.

          Ehebruch mit Privatdozenten

          Bärbel Meurer ist sichtlich bemüht, Marianne zu einer auch intellektuell ebenbürtigen Partnerin ihres genialisch gestörten, immer wieder kranken Max zu adeln. Schon lange vor Max habe sich die Autodidaktin mit wissenschaftstheoretischen Fragen befasst, und ihr Hauptwerk „Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung“, erschienen 1907, habe sie ganz eigenständig geschrieben. Überhaupt habe „es eher Einflüsse von ihr zu ihm . . . als umgekehrt“ gegeben. Ernsthaft behauptet Bärbel Meurer gar, Max sei „vermutlich durch ihre Verwendung des Rationalismusbegriffs dazu angeregt“ worden, „diesen für sich zu übernehmen“.

          Obwohl die Autorin eine Lebensgeschichte Mariannes vorlegen will, kann sie sich von Max nicht lösen und schreibt in langen, auch langweiligen Passagen nichts über ihre Heldin, sondern seine Veröffentlichungen und Arbeitspläne. Originell sind nur die Exzerpte und Zitate aus den Hunderten von Briefen Mariannes an ihre Schwiegermutter Helene Weber in Berlin, der sie oft Tag für Tag selbst Intimstes aus ihrem Ehealltag berichtete. Auch wer sich für Ehebruch von Ordinariengattinnen mit Privatdozenten, homosexuelle Liebschaften von Professorensöhnen, Konflikte mit „unverschämten“ Dienstmädchen und diverse Suchtkrankheiten damals weltberühmter Heidelberger Gelehrter interessiert, findet hier Unterhaltsames.

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