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Buch zu Medien-Intellektuellen : Auftritte der Meinungsbildner

  • -Aktualisiert am

Ein Radio-Star, den manche Kontrahenten fürchteten: Theodor W. Adorno 1958 Bild: Picture-Alliance

Eliten unter sich: Axel Schildts postum ediertes Buch über Medien-Intellektuelle der Bundesrepublik bietet ebenso lehrreiche wie kurzweilige Lektüre.

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          Axel Schildt, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, starb am 5. April 2019. Seine großangelegte Intellektuellengeschichte der alten Bundesrepublik bis 1989 konnte er nicht fertigschreiben. Gabriele Kandzora, seine Partnerin, und Detlef Siegfried, mit dem er vor einem Jahrzehnt eine flotte und materialreiche Kulturgeschichte der Bundesrepublik verfasst hatte, haben Schildts Manuskripte geordnet, redigiert und herausgegeben. Auf neunhundert Seiten kann man nun Schildts Idee nachverfolgen, die westdeutsche Ideengeschichte als eine Kombination aus Intellektuellen- und Mediengeschichte zu schreiben.

          Schildts zentrale Figur ist der „Medien-Intellektuelle“, der Meinungsbildner im Ensemble von Printmedien, Radio und Fernsehen. In der Mediengesellschaft vermitteln die Medien das, was gesagt, gedacht und getan wird. Die Gesellschaft kommuniziert über Medien. Auch die Intellektuellen sind auf sie bezogen. Gerade das macht für Schildt ihre Intellektualität aus, im Unterschied etwa zum Gelehrten oder zum Forscher. Diese Medienbezogenheit setzt den Intellektuellen unter Originalitäts- und Nonkonformismuszwang. Er ist wie ein Schauspieler im Theaterbetrieb. Das Buch beobachtet, was auf der Bühne geschieht. Aber mehr noch interessiert es sich für die Dinge hinter den Kulissen.

          Nazis, Opportunisten, konservative Revolutionäre

          „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ ist eine empirische Studie, die ihresgleichen sucht. Hier war einer am Werk, der Bourdieus Begriff „Feld“ nicht nur in der Einleitung im Munde führt, sondern das medien-intellektuelle Feld tatsächlich systematisch erforscht. Schildt hat sich alles genau angesehen. Man hat den Eindruck, er habe sämtliche Zeitschriften seit 1945 gelesen, alle kulturpolitischen Radiosendungen gehört und politischen Fernsehmagazine gesehen, außerdem die Korrespondenzen der wichtigen Akteure gesichtet und alle bedeutenden Redaktionen und Verlage besucht. Hier ist nebenher ein „Who is who“ der BRD (und: „who was who some years before“) entstanden, das man wie ein Nachschlagewerk nutzen kann. Schildt hatte eine handfeste, sozialgeschichtlich informierte politische Kulturgeschichte im Sinn, die sich selbst für technische Entwicklungen interessiert.

          Axel Schildt: „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“. Hrsg. und mit einem Nachwort von G. Kandzora und D. Siegfried.
          Axel Schildt: „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“. Hrsg. und mit einem Nachwort von G. Kandzora und D. Siegfried. : Bild: Wallstein Verlag

          Neben dem Feld sind die Lernprozesse der inhaltlich strukturierende Leitfaden. Dabei muss man das eine oder andere Referat über eine Debatte oder ein Buch über sich ergehen lassen. Schildt folgt dem Mainstream der zeitgeschichtlichen Forschung, zu deren wichtigsten Protagonisten er ja selbst gehörte: Aus den „dunklen Zeiten“ der Kulturkritik und den „braunen Schatten“ des Nationalsozialismus entstanden allmählich „Aufhellungen“ liberaler, moderner, kritischer Art, die dann in die Transformation der „langen sechziger Jahre“ münden. In den fünfziger Jahren dominierten die Kräfte das geistige Leben der Bundesrepublik, die bereits im Nationalsozialismus ihre Karrieren eingeleitet hatten, junge Nazis, Opportunisten, konservative Revolutionäre, die, so sie nicht allzu exponiert waren, nach ihrer Entnazifizierung in der „Mitläuferfabrik“ an die führenden Stellen in den Medien, im Literaturbetrieb, an den Universitäten kamen. Man sprach noch nicht über die Belastung – Hermann Lübbes berühmtes „kommunikatives Beschweigen“ bringt das auf den Punkt. Zum Teil wurde aggressiv dafür gesorgt, dass die Vergangenheit eben nicht aufgearbeitet wurde. Aber diese belastete und integrierte Elite demokratisierte sich, auch begünstigt durch den Kalten Krieg und apologetische Deutungen.

          Eine Öffentlichkeit, die das Diskutieren lernt

          In den sechziger Jahren geschah dann eine Fundamentalliberalisierung der westdeutschen Gesellschaft infolge von politischen Auseinandersetzungen, neuen gesellschaftlichen Erfahrungen und anderer Deutungen, als deren dramatischer Höhepunkt „1968“ wahrgenommen wurde, was Schildt allerdings nur zum Teil gelten lässt. Trotz des Erfolgsbefunds verdeutlicht sein Buch auch, dass „Öffentlichkeit“ eine eher elitäre Veranstaltung war. Von Popmusik und Coca-Cola ist nicht oft die Rede.

          Es wird immer dann spannend, wenn Schildt infolge seines stupenden Wissens und seines realistischen Elans, der die Lebenswelten und medialen Landschaften für wichtiger nimmt als die großen Ideen und Ideologien, genauer hinschaut. Alfred Andersch, der Rundfunkfürst der fünfziger Jahre, wird zum Beispiel ausgeleuchtet, wie auch andere Linksnationalisten oder „nonkonformistische Nationalneutralisten“. Das Dreieck von Hans Freyer, Arnold Gehlen und Helmut Schelsky wird beobachtet oder Hans Paeschkes Regiment des „Merkur“ analysiert. In der Literaturkritik erleben wir, wie der Typ Enzensberger/Rühmkorf den Typ Holthusen/Sieburg ablöst. Oder wie das von Carl Schmitt formierte Doppel Rüdiger Altmann/Johannes Gross den Konservatismus belebt. Und vieles mehr aus einer Öffentlichkeit, die das Diskutieren lernt.

          Perlen im Informationsmeer

          Amüsant ist die Geschichte des Radio-Stars Theodor W. Adorno. Das finanziell lukrative Medium bereitete dem Kritiker der Kulturindustrie eine schier unermessliche Befriedigung. Hier konnte er wie ein Musiker improvisieren und Gegner wie Gehlen vorführen. Manche wie Gottfried Benn fürchteten dieses Szenario so sehr, dass sie kurz vor der Sendung das Weite suchten. Vor allem Schildts randständige Beobachtungen, oft gepaart mit süffisanten Bemerkungen, sind die kleinen Perlen im großen Meer der Information.

          Solche Nahaufnahmen ändern freilich nichts am groben Bild von Belastung, Integration, Liberalisierung. Jürgen Habermas hat 1962 den Begriff des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ ins Spiel gebracht. Er meinte damals damit den sukzessiven Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit im Kapitalismus in einer langen Perspektive. Sein Buch war selbst Ausdruck eines gerade stattfindenden Strukturwandels einer postfaschistischen Gesellschaft. Diesen Strukturwandel zeigt Schildts Buch nun aus der Bodenperspektive. Es ist ein Jammer, dass der Hamburger Historiker die siebziger und achtziger Jahre, die vergleichsweise unterbelichtet sind, nicht mehr hat beschreiben können.

          Axel Schildt: „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“. Hrsg. und mit einem Nachwort von G. Kandzora und D. Siegfried. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 896 S., geb., 46,– €.

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