https://www.faz.net/-gr3-a5o3d

Buch zu Medien-Intellektuellen : Auftritte der Meinungsbildner

  • -Aktualisiert am

Eine Öffentlichkeit, die das Diskutieren lernt

In den sechziger Jahren geschah dann eine Fundamentalliberalisierung der westdeutschen Gesellschaft infolge von politischen Auseinandersetzungen, neuen gesellschaftlichen Erfahrungen und anderer Deutungen, als deren dramatischer Höhepunkt „1968“ wahrgenommen wurde, was Schildt allerdings nur zum Teil gelten lässt. Trotz des Erfolgsbefunds verdeutlicht sein Buch auch, dass „Öffentlichkeit“ eine eher elitäre Veranstaltung war. Von Popmusik und Coca-Cola ist nicht oft die Rede.

Es wird immer dann spannend, wenn Schildt infolge seines stupenden Wissens und seines realistischen Elans, der die Lebenswelten und medialen Landschaften für wichtiger nimmt als die großen Ideen und Ideologien, genauer hinschaut. Alfred Andersch, der Rundfunkfürst der fünfziger Jahre, wird zum Beispiel ausgeleuchtet, wie auch andere Linksnationalisten oder „nonkonformistische Nationalneutralisten“. Das Dreieck von Hans Freyer, Arnold Gehlen und Helmut Schelsky wird beobachtet oder Hans Paeschkes Regiment des „Merkur“ analysiert. In der Literaturkritik erleben wir, wie der Typ Enzensberger/Rühmkorf den Typ Holthusen/Sieburg ablöst. Oder wie das von Carl Schmitt formierte Doppel Rüdiger Altmann/Johannes Gross den Konservatismus belebt. Und vieles mehr aus einer Öffentlichkeit, die das Diskutieren lernt.

Perlen im Informationsmeer

Amüsant ist die Geschichte des Radio-Stars Theodor W. Adorno. Das finanziell lukrative Medium bereitete dem Kritiker der Kulturindustrie eine schier unermessliche Befriedigung. Hier konnte er wie ein Musiker improvisieren und Gegner wie Gehlen vorführen. Manche wie Gottfried Benn fürchteten dieses Szenario so sehr, dass sie kurz vor der Sendung das Weite suchten. Vor allem Schildts randständige Beobachtungen, oft gepaart mit süffisanten Bemerkungen, sind die kleinen Perlen im großen Meer der Information.

Solche Nahaufnahmen ändern freilich nichts am groben Bild von Belastung, Integration, Liberalisierung. Jürgen Habermas hat 1962 den Begriff des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ ins Spiel gebracht. Er meinte damals damit den sukzessiven Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit im Kapitalismus in einer langen Perspektive. Sein Buch war selbst Ausdruck eines gerade stattfindenden Strukturwandels einer postfaschistischen Gesellschaft. Diesen Strukturwandel zeigt Schildts Buch nun aus der Bodenperspektive. Es ist ein Jammer, dass der Hamburger Historiker die siebziger und achtziger Jahre, die vergleichsweise unterbelichtet sind, nicht mehr hat beschreiben können.

Axel Schildt: „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“. Hrsg. und mit einem Nachwort von G. Kandzora und D. Siegfried. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 896 S., geb., 46,– €.

Weitere Themen

Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

Topmeldungen

Max Otte am Mittwoch in Berlin.

Für AfD angetreten : CDU entzieht Max Otte alle Mitgliederrechte

Gegen den Vorsitzenden der konservativen „Werteunion“ liege der Verdacht auf parteischädigendes Verhalten vor, sagt CDU-Generalsekretär Ziemiak. Max Otte habe gegen zwei Parteibeschlüsse verstoßen, ein Ausschlussverfahren werde eingeleitet.