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: Automatenphantasien treiben uns an

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Phänomene der künstlichen Intelligenz wurden nicht immer so nüchtern, ja leidenschaftslos beschrieben wie heute. Es sei die "kahle nakte Wahrheit", schrieb der junge Jean Paul, "daß wir Menschen blosse Maschinen sind, deren sich höhere Wesen, denen diese Erde zum Wohnplatz beschieden, bedienen". ...

          Phänomene der künstlichen Intelligenz wurden nicht immer so nüchtern, ja leidenschaftslos beschrieben wie heute. Es sei die "kahle nakte Wahrheit", schrieb der junge Jean Paul, "daß wir Menschen blosse Maschinen sind, deren sich höhere Wesen, denen diese Erde zum Wohnplatz beschieden, bedienen". Kurz: Menschen sind Maschinen der Engel und insbesondere Maschinen, die wiederum Maschinen verfertigen. Auf dieses Spiel mit der Iteration lief es bei Jean Paul hinaus, auf den Vergleich zwischen den "natürlichen" Maschinen erster und "künstlichen" Maschinen zweiter Ordnung.

          Die Engel tauchten dabei wohl nicht zufällig auf. Nach scholastischer Tradition handelte es sich bei ihnen und den Dämonen um Intelligenzen, die durchaus einen Scheinleib zuwege bringen konnten. Wenn auch dessen Beseelung natürlich Privileg der höchsten Schöpfunginstanz war und ihnen verschlossen blieb. Die scholastische Lehre von Engeln und Dämonen erlaubte es deshalb, über die mechanische Simulation von Körperfunktionen recht frei zu spekulieren. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurde daraus dann aber Ernst: Mechanische Modelle des Körpers räumten die vegetativen und animalischen Seelenanteile der aristotelischen Tradition auf die Seite, die bis dahin die Lebensfunktionen garantiert hatten. Die "natürliche" Maschine Mensch wurde tendenziell zur Steigerung dessen, was Maschinen in Gestalt von Androiden oder Tieren einem faszinierten Publikum vor Augen führten.

          Auf manche dieser raffinierten Automaten stößt man in einem vorzüglichen Band, der sich der Geschichte und Philosophie des "künstlichen Lebens" widmet. Auch der dämonische Hintergrund fehlt nicht, wenn es um eine mechanische Teufelin des Renaissance-Ingenieurs Lucio Fontana geht (Anthony Grafton). Die Sache war zweischneidig: Zum einen betrieb der Konstrukteur damit Mechanik als Aufklärung und machte sich über magische Praktiken lustig. Aber gleichzeitig nutzte er doch deren anrüchiges Prestige, um sein mechanisches Ingenium in Szene zu setzen.

          Begonnen hatte man mit publikumswirksamen mechanischen Tricks bereits in der Antike. Es gibt aber kaum Hinweise darauf, dass Heron von Alexandriens Automaten die Frage nach der mechanischen Natur von Lebewesen provoziert hätten (Sylvia Berryman). Die mit Wasser angetriebenen Figuren der künstlichen Grotten im Schlosspark von Saint-Germain-en-Laye waren nicht raffinierter als ihre antiken Vorläufer: Doch Descartes sah in ihnen Belege dafür, dass dem Leben "more mechanico" beizukommen sein sollte. Zwischen aristotelischen Traditionalisten und einem modernen Hardliner wie Descartes gab es allerdings vermittelnde Zwischenpositionen (Dennis des Chene).

          Der Reiz der Automaten hielt im neunzehnten Jahrhundert an, das die Mechanisierung ganz konkret vorantrieb. Auch Charles Babbage, der viktorianische Computerpionier, hatte seine "Tänzerin". Weibliche Automaten waren im viktorianischen England in der Mehrzahl, und das gibt zu interessanten Erkundungen Anlass, die vom Fabrikwesen ebenso handeln wie von frühen evolutionstheoretischen Begründungen der Geschlechterrollen (M. Norton Wise).

          Was Babbages "Analytical Engine" auf den Weg brachte, eröffnete schließlich im zwanzigsten Jahrhundert die Möglichkeit, künstliche Lebensformen im Computer zu generieren (Stefan Helmreich). Die Vorteile solcher Evolutionsbeschleunigung im gerechneten Modell lagen auf der Hand. Aber wenn es um die Generierung intelligenter Leistungen ging, wurden auch die Nachteile der Umweltsimulation mit wenigen Parametern deutlich. Auf dem Feld der "Künstlichen Intelligenz" zogen einige Forscher daraus die Konsequenz, dass ihre lernenden Systeme in der wirklichen Welt - wenn auch nur die des Labors - verkörpert sein müssen.

          Aus diesem Ansatz der "embodied artificial intelligence" sind mittlerweile eine Reihe von humanoiden "sociable robots" hervorgegangen (Evelyn Fox Keller). Zentral für sie ist die Implementierung elementarer Fähigkeiten für soziales Verhalten und Lernen. Rodney Brooks berühmter "Cog" demonstrierte bereits Augenkontakt und das Verfolgen von Blickrichtungen. Cynthias Breazeals noch viel fotogenerer und nach dem Verhalten von Kleinkindern modellierter "Kismet" baute das Repertoire mit mimischen und vokalen Elementen aus.

          Mit "Kismet" und seinen Nachfolgern lässt sich nicht zuletzt gut testen, ob wir unser soziales Verhalten im implementierten Modell auch richtig kategorisiert und vollständig erfasst haben. Andererseits können solche Roboter nun auch mit dem Ziel der Früherkennung und therapeutischen Behandlung von Störungen sozialen Verhaltens entworfen werden: Brian Scassellatis "Nico" soll das konkret für autistische Störungen leisten, die sich bei Säuglingen vielleicht durch mangelnden Augenkontakt ankündigen.

          Die soziablen Roboter zeigen sinnenfällig, dass und wie wir es in den Maschinen mit uns selbst zu tun haben. Womit zuletzt auf eine solide Basis gestellt ist, wovon die Automatenphantasien schon immer zehrten.

          HELMUT MAYER

          "Genesis Redux". Essays in the History and Philosophy of Artificial Life. Herausgegeben von Jessica Riskin. Chicago University Press, Chicago und London 2007. 389 S., br., 16,- £.

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