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Autobiographie : Gelöste Herzen schlagen schnell

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Schmidinger begegnet dem Objekt seiner Neugierde mit viel Sympathie. Und warum auch nicht: Alfred Biolek ist ein netter Mensch, ein großer Kommunikator und bundesweit bekannter Fernsehschaffender, der Autogramme geben muß. Er ist nicht nur erfolgreich, sondern auch noch wohlhabend, denn seine Kochbücher haben sich bis heute sagenhafte dreieinhalb Millionen Mal verkauft, und er ist Mitinhaber der Fernsehproduktionsgesellschaft Pro GmbH.

Er hat mit dem „Kölner Treff“, mit „Bio's Bahnhof“, „Boulevard Bio“ und der Kochsendung „alfredissimo“ ein Stück Fernsehgeschichte geschrieben, „Bio's Bahnhof“ war sogar Fernsehavantgarde, und 485 Mal bei „Boulevard Bio“ löste er mit seiner taktvollen, Grenzen der Diskretion nie überschreitenden Freundlichkeit die Herzen und Zungen seiner Gäste - Eingeladene und Zuschauer konnten sicher sein, daß man sich in dieser Sendung nie vor Peinlichkeit winden mußte wie sonst so oft bei Talkshows.

Geruhsamer Karriereverlauf

Und erfüllt das Buch den Zweck jeder (Auto-)Biographie, klüger zu werden über den Titelhelden? Schon. Der Leser erfährt zwar jede Menge Nebensächlichkeiten (der Anwalt, der Bioleks Vater das Angebot machte, seine Kanzlei zu übernehmen, hieß Dr. Verständig; der kleine Alfred war tagelang seekrank; der Student verbrachte die Semesterferien bei seinen Eltern; der Erwachsene duzt sich mit Blüm und Scharping), aber Persönlichkeit und Werdegang werden klar: Ins Fernsehfach rutscht der junge Jurist Dr. Alfred Biolek mehr zufällig, von da an (die erste Sendung hieß „Tips für Autofahrer“, bald folgte „Urlaub nach Maß“) ging's bergauf.

Das Schöne an dieser Karriere ist, daß sie so geruhsam verläuft, Biolek hat sich langsam gesteigert und hat anders als heutige Stichflammenberühmtheiten das Glück gehabt, sich zu erproben; längst ehe er Talkshows fürs Fernsehen machte, übte er im Saal. Übrigens spricht es für Bioleks Humor, daß das Buch auch Fotos enthält, die ihm nicht schmeicheln, etwa wenn sein Wandel vom seriösen Krawattenträger (ZDF, 1964) zum Rollkragen-Koteletten-Träger mit Sonnenbrille (Bavaria, 1970) dokumentiert wird. Er selbst nennt sich einen Rotweintyp, der sich vom Aussehen bis zu seinen Fernsehleistungen mit den Jahren gesteigert habe: „Ich bin ja erst mit 'Bio's Bahnhof' bekannt geworden, da war ich schon 44, richtig prominent letztlich erst mit dem 'Boulevard' und wohlhabend erst mit dem Kochen.“

Erzwungenes Outing

Viele Leser dürften sich besonders für Bioleks Homosexualität interessieren, doch er selbst wie der Autor gehen angenehm diskret mit dem Thema um. Biolek sagt offen, daß das Outing ohne Vorwarnung durch Rosa von Praunheim unangenehm, aber letztlich heilsam gewesen sei: „Ich habe einen Schlag bekommen, der sehr weh getan hat, aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gelöst, die danach weg war.“ Und von jungen Schwulen hat er oft gehört, daß die zu ihren Eltern sagen konnten: „Guckt mal, euer Liebling Bio, der ist auch schwul.“

Alfred Biolek ist einem nach der Lektüre dieses Buches nicht unsympathischer geworden. Ihm, der so viel erlebt hat, der so viele spannende Zeitgenossen aus der Nähe kennengelernt hat, der ein insgesamt geglücktes und erfolgreiches Leben mit vielen Freunden und Gästen in einem gastfreundlichen Umfeld führt, ihm hätte man ein besseres, ein weniger papierenes und lebenspralleres Erinnerungsbuch gegönnt.

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