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Heide Sommers Autobiographie : Wir teilten das Wichtigste mit diesen Männern

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Frauen im Hintergrund: Heide Sommer (rechts) und ihre Kollegin Sabine Schappien mit „Spiegel“-Chefredakteur Günter Gaus, um 1970. Bild: Ullstein Buchverlage

Sie war die diskrete Wunscherfüllerin für Augstein, Raddatz, Helmut Schmidt: Heide Sommer erzählt von ihrem Leben als Sekretärin, und setzt diesem Berufsstand mit ihrem Buch ein kleines Denkmal.

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          Heide Sommer, nun bald achtzig Jahre alt, hat ein halbes Jahrhundert lang für eine Reihe von bedeutenden deutschen Publizisten und Intellektuellen gearbeitet: Theo Sommer, Carl Zuckmayer, Günter Gaus, Rudolf Augstein, Fritz J. Raddatz und schließlich auch für Helmut Schmidt in dessen späten Jahren. Kleine große Herrscher in einer Geistes- oder Gelehrtenrepublik, denen Heide Sommer mit Leidenschaft und ständig wachsender Kompetenz diente. „Lassen Sie mich mal machen“: Ob man nun das dritte oder das fünfte Wort des Buchtitels betont: Beides trifft es.

          Es ist ein manchmal melancholisches, oft heiteres, ein immer unterhaltsames und zeitgeschichtlich spannendes Buch. Der Sekretärin aus Berufung ist dabei ein kleines Denkmal für ihren Beruf gelungen, und auch für alle anderen, die in ähnlicher Funktion, ob als Referenten oder Sachbearbeiter, als Assistenten oder sonst wie in der „zweiten Reihe“ stehen, wie sie es nennt. Nein, man kann es gewiss nicht besser als die in der ersten Reihe. Aber diese könnten es eben nicht so gut, wenn die dahinter nicht das Beste gäben.

          Wie Jean Seberg in Godards „Außer Atem“

          „Im Grunde war ich in all den Jahren meines Daseins als Sekretärin eine Art Wunscherfüllerin“. Und dazu gehört „die hohe Kunst: sich zurücknehmen und trotzdem etwas bewirken“. Auch in der zweiten Reihe „fiel genügend Glanz auf mich, um mein Geltungsbedürfnis und mein Ego zu befriedigen. Man muss wissen wo man steht, aber man darf durchaus auch wissen, wer man ist“.

          Souveräner Umgang mit Prinzen auf der Erbse: Fritz J. Raddatz gratuliert Heide Sommer zu ihrem siebzigsten Geburtstag.

          Falsche Bescheidenheit kennt Heide Sommer nicht, wie schon aus ihrer Selbstbeschreibung als junge Frau hervorgeht, als sie sich den Blick ihres ersten Chefs vorstellt: „Und nun traf er auf diese große, schlanke, blonde, zehn Jahre jüngere Frau, offen wissbegierig und tüchtig, kurzhaarig wie Jean Seberg in ‚Außer Atem‘, anpassungsfähig und flexibel“. Zu den Hauptkünsten jeden Dienstverhältnisses gehört die Kunst der Diskretion. Und wie Heide Sommer über ihre früheren Chefs schreibt, hat man nie das Gefühl, zu einer Schlüssellochperspektive eingeladen zu werden. Nur sieht man durch ihren Blick einige Details genauer; ein Blick, der immer die Hochachtung bewahrt vor „meinen Männern“.

          Hinter der Schauseite ungebremster Eitelkeiten

          Aber Heide Sommer hat ein wenig mehr als andere in deren Inneres und dort fast bei jedem auch tiefe Unsicherheit, ja geradezu Verzagtheit gesehen. Wenn einer vor seinen Artikeln wie ein „tief verunsicherter Mensch, ohne Ur- und Selbstvertrauen“ erscheint, dann aber „in diesen langen Nächten“ doch noch wieder ein brillanter Artikel in ihrer Gegenwart fertig wird, ist sie stolz auf den Chef – und auch darauf, wieder hilfreich dabei gewesen zu sein. Und wenn sie einen anderen erlebt, wie er „jedes Mal einen Riesenbammel und große Skrupel“ hat und sich nach Beendigung eines Buches erst einmal in die Klinik begibt, erfahren wir nicht nur, welch seltsame Angst sich hinter ungebremster Eitelkeit versteckt, sondern wie viel Empathie, ja Liebe dazu gehört, solche Prinzen auf der Erbse zu begleiten, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Die Passagen über den oft todunglücklichen und seinen Tod minutiös planenden Raddatz gehören zu den stärksten.

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