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: Ausgerechnet Hennis!

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Eines der einflussreichsten Bücher der jüngeren Zeitgeschichtsforschung ist die Dissertation von Dirk van Laak, die 1993 im Akademie-Verlag erschienen ist und "Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik" zum Thema hat. Der Titel des Buches war ein unwiderstehliches Versprechen: "Gespräche in der Sicherheit des Schweigens".

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          Eines der einflussreichsten Bücher der jüngeren Zeitgeschichtsforschung ist die Dissertation von Dirk van Laak, die 1993 im Akademie-Verlag erschienen ist und "Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik" zum Thema hat. Der Titel des Buches war ein unwiderstehliches Versprechen: "Gespräche in der Sicherheit des Schweigens". Ach, wer da mithören konnte!

          Van Laak ist ein Schüler von Lutz Niethammer, dem deutschen Pionier der oral history. Die Methode der Quellenerzeugung durch Zeitzeugenbefragungen sollte denjenigen eine Stimme geben, die in der Geschichtsschreibung großen Stils auch in der strukturgeschichtlichen Variante nie zu Wort gekommen waren - das OEuvre der Niethammer-Schule ist ein Arbeiterkinderdenkmal. Van Laak übertrug das Verfahren auf die Wissenschaftsgeschichte, also auf die Erforschung derjenigen Berufsmenschen, die sich am besten artikulieren, und vernahm die berühmten Professoren ein, die in ihren Lehrjahren zu Carl Schmitt nach Plettenberg gepilgert waren. Das Packende an den Überlegungen zu entlegenen Gegenständen der Ideengeschichte, die nun an die Öffentlichkeit gelangten, war die Atmosphäre absoluter Vertraulichkeit, aus der sie gerissen wurden.

          Van Laak erneuerte ein historiographisches Genre, das die Geschichtswissenschaft seit Ranke für obsolet hielt: die Geheim- oder Gegengeschichte, allerdings ohne die polemische Absicht, die in den höfischen Gesellschaften der Vormoderne hinter der Routine der Enthüllungen stand. Nur in Rückzugsgebieten des reaktionären Konservatismus wie dem Cambridger College Peterhouse hatte sich die Überzeugung erhalten, es komme in der Geschichte entscheidend darauf an, was von einer kleinen Zahl von Männern hinter verschlossenen Türen gesagt wird. Von Plettenberg aus gesehen war die Bundesrepublik ein Ancien Régime, wo die Anstandsregeln einer Gesellschaftsräson das Sagbare begrenzten. Die um Schmitt kreisenden freien Denker ließen sich als Loge betrachten, wie sie Reinhart Koselleck in seiner Dissertation "Kritik und Krise" beschrieben hatte.

          Obwohl die großen Werke der Forschungsgruppen und Arbeitskreise der sechziger und siebziger Jahre in den Bibliotheken nicht im Giftschrank stehen, ist die Geheimgeschichte der Geisteswissenschaft der Nachkriegszeit eine Wachstumsbranche. "Netzwerk" und "Strategie" sind die Lieblingsbegriffe einer Hermeneutik des Verdachts, die selten anderes aufdeckt als die wissenssoziologische Normalität des Hineinspielens sachfremder Nebengedanken im Berufungs- und Publikationswesen. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat unter dem Direktorat von Ulrich Raulff nicht nur die Wissenschaft als Sammelgebiet entdeckt, sondern auch die utopische Aufgabe der Erschließung ungeschriebener Werke. Wenn den Methoden, die sich in den esoterischen Kontexten des George-Kreises und der Warburg-Schule bewährt haben, auch die Normalwissenschaft unterworfen wird, kommt Kurioses heraus.

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