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: Ausfahrt der Neugier in die weite fremde Welt

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Versteht man unter Ethnologie nicht nur die aus der kolonialen Expansion Europas hervorgegangene Wissenschaft von außereuropäischen Kulturen, sondern jede reflektierende Form der Beschäftigung mit dem kulturell Fremden, dann lassen sich ihre Anfänge schon in den völkerkundlichen Berichten antiker Autoren finden.

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          Versteht man unter Ethnologie nicht nur die aus der kolonialen Expansion Europas hervorgegangene Wissenschaft von außereuropäischen Kulturen, sondern jede reflektierende Form der Beschäftigung mit dem kulturell Fremden, dann lassen sich ihre Anfänge schon in den völkerkundlichen Berichten antiker Autoren finden. Es ist diese allgemeinere Bestimmung, der Werner Petermann folgt, wenn er als Ausgangspunkt seiner Geschichte der Ethnologie die griechische Antike wählt. Sein breit angelegtes Werk beginnt mit Hekataios von Milet, der um 500 vor Christus lebte, um die Entwicklung des ethnologischen Denkens bis in die jüngste Gegenwart hinein zu verfolgen.

          Fast die Hälfte des Buches ist der Vorgeschichte der wissenschaftlichen Ethnologie gewidmet. Vor allem in diesem ersten Teil breitet der Verfasser ein stupendes Wissen aus. Kein Autor, der sich mit fremden Kulturen beschäftigt hat, wird ausgelassen. Mittelalterliche Mönche, die sich im dreizehnten Jahrhundert an den fernen Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan begaben, Marco Polo mit seiner fälschlicherweise als Erfindung angesehenen Reisebeschreibung und der Ritter John Mandeville mit seinen tatsächlich fast nur auf Phantastereien beruhenden Berichten kommen ebenso zu Wort wie die zahlreichen Missionare und Reisenden, die seit der Entdeckung der Neuen Welt zur Erweiterung des Wissens über indigene Kulturen so Entscheidendes beigetragen hatten. Desertierte Soldaten, Abenteurer und andere kulturelle Überläufer wie der deutsche Söldner Hans Staden, der französische Baron de Lahontan oder der erst vor kurzem wiederentdeckte hallensische Jurist Christian Priber, die viele Jahre bei den Indianern gelebt hatten, finden den Platz, der ihnen aufgrund ihrer intimen Kennerschaft indigener Gesellschaften zweifellos gebührt.

          Als Vorläufer der Ethnologie werden aber auch fast alle namhaften philosophischen Denker des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts reklamiert, sofern sie sich in ihren Werken zu fernen Kulturen geäußert haben. Und wer hätte dies nicht. Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Diderot und Herder figurieren zu Recht an erster Stelle. Auch Kants und Herders Beiträge zur Anthropologie werden eingehend gewürdigt. Dabei zeigt sich allerdings gerade bei Kant, daß er von den populären Voreingenommenheiten seiner Zeit keineswegs frei war. Und für Hegels empörende Äußerungen über Afrika gilt dies noch entschieden mehr. Daß Comte und Marx begeisterte Leser von völkerkundlichen Abhandlungen waren, ist bekannt. Die Ausführungen von Nietzsche und Dilthey zu den sogenannten Primitiven sind dagegen nur wenigen Experten geläufig. Im offensichtlichen Bestreben, dem Fach eine ehrwürdige Genealogie zu verleihen, hat Werner Petermann alle diese Äußerungen sorgfältig zusammengestellt. Erstaunlich bleibt indes, wie sehr selbst die größten Denker gewöhnlichen Vorurteilen verhaftet blieben, sobald sie den begrenzten eigenen kulturellen Horizont zu überschreiten versuchten.

          Der zweite Teil des Buches, der der Geschichte der Ethnologie als etablierter Universitätswissenschaft dient, bewegt sich dagegen eher in den gewohnten Bahnen. Die einzelnen Schulrichtungen, der im späten neunzehnten Jahrhundert dominierende Evolutionismus, die verschiedenen Versionen von Diffusionismus, der Funktionalismus Richard Thurnwalds und Bronislaw Malinowskis, der von Franz Boas begründete amerikanische Kulturrelativismus, die Kulturmorphologie von Leo Frobenius und die jüngeren theoretischen Entwicklungen bis hin zu Lévi-Strauss' Strukturalismus, dem Kulturmaterialismus von Marvin Harris und Clifford Geertz' symbolischer Anthropologie werden ausführlich dargestellt. Petermann beweist dabei ein bemerkenswertes Talent, die jeweiligen theoretischen Grundpositionen knapp und klar darzulegen.

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