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: Aus der Frischebox der Zeit

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Unsere Ewigkeitsbilder sind Momentaufnahmen. Der erste Mann auf dem Mond etwa (und wahrscheinlich auch der letzte auf Erden) als Emblem ist nichts anderes als ein eingefrorenes, angehaltenes, mehr oder weniger kunstvolles Dokumentarbild. Es entsteht für den Tag und wird für den Tag gebraucht, auch wenn ...

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          Unsere Ewigkeitsbilder sind Momentaufnahmen. Der erste Mann auf dem Mond etwa (und wahrscheinlich auch der letzte auf Erden) als Emblem ist nichts anderes als ein eingefrorenes, angehaltenes, mehr oder weniger kunstvolles Dokumentarbild. Es entsteht für den Tag und wird für den Tag gebraucht, auch wenn man weiß, dass es gleichsam für immer ist.

          Der Kniefall Willy Brandts in Warschau vor dem Ehrenmal des jüdischen Gettos im Jahr 1970 wurde zu einer Art Ikone ebenso wie der DDR-Soldat, der beim Bau der Mauer, sein Gewehr wegwerfend, über die spanischen Reiter in die Freiheit hechtete. Aus den Augenblicksbildern auch Sinnbilder werden zu lassen liegt allerdings kaum in der Hand des Fotografen, zumal des Pressefotografen, der selten Zeit für Stilisierungen hat. Die Ewigkeit muss warten, wenn das Bild schnellstens in die Redaktion muss und schon der nächste Termin ansteht. Nach Jahren aber zeigt sich, ob die Bilder noch anderes und mehr zeigen als das, was sie laut Auftrag einfangen sollten: ein Charakteristikum, das den vergangenen Augenblick nicht zum Sarg, sondern zur Frischebox der Zeit werden lässt.

          Dann betrachten wir die Mimik und Gestik früherer Leidenschaften, ermessen den Abstand zum Heute, ohne dass das Vergangene als ganz abgeschieden und tot empfunden wird. In solchen glücklichen Fällen hat der Fotograf etwas festhalten können, was über seine Absicht hinausging. Zwar enthält jedes Dokument immer mehr, als es eigentlich aussagen wollte. Aber es gibt doch beträchtliche Unterschiede, es gibt Bilder, die sich verschließen und mit der Vergangenheit vergehen. Andere Bilder aber öffnen sich, werden immer reicher, erzählen immer neue und andere Geschichten, je nach Blickwinkel des Betrachters.

          Die Fotografien der Pressefotografin Erika Sulzer-Kleinemeier, die vom "Spiegel" bis zum "Stern" für bedeutende Magazine, Illustrierten und Zeitungen gearbeitet hat, sind ein solcher Glücksfall, wie der Band mit ihren Arbeiten zeigt. Der Schwerpunkt liegt in der Zeit von der Studentenrevolte bis zum Fall der Mauer. Ihre Aufmerksamkeit hat sie nicht allein auf die vermeintliche Hauptaktion mit ihren Akteuren gerichtet, sondern nicht zuletzt auch auf Zuschauer, auf Randszenen und Details. Ihr gelingt es, Widersprüchlichkeiten, Unstimmigkeiten aufzuspüren, die selbst das planmäßige Arrangement aufrauhen und Ambivalenzen sichtbar werden lassen.

          Auch wenn Erika Sulzer-Kleinemeier Staatsleute und Staatsszenen festhält, geschieht das wie im Vorübergehen, so leicht, unaufdringlich und doch unbarmherzig genau. So etwa auf jenem Foto, mit dem sie 1968 den Pressetermin Léopold Sédar Senghors vor der Paulskirche in Frankfurt festhält. Man sieht die lautstark protestierenden Studenten nicht, und sie sind doch anwesend in dieser gedrängten Szene, in der ein Polizist in das Bild hinein salutiert, als wolle er gegen den Protest die Staatshoheit repräsentieren. Er schützt das Beschlossene, steht für die Durchführung und gegen die Verhinderung - während der zierliche Senghor fast zur Nebensache wird -, was de facto eben auch der Fall war.

          Auf einem anderen Bild hat Sulzer-Kleinemeier festgehalten, wie Barbara Klemm, die vielfach ausgezeichnete langjährige Fotografin dieser Zeitung, während der Proteste gegen Senghor einer Kollegin entschlossen zu Hilfe eilt, der ein Polizist offenbar gerade die Kamera entwinden will. Es wundert nicht, dass Gerhard Schröder mit beseligtem Lächeln als frisch gewählter Juso-Vorsitzender zu sehen ist oder der junge Helmut Kohl vor einem meterhohen Adenauer-Plakat. Auch hier erzeugen die Bilder ein denkwürdiges Nachbild, so dass man noch einmal hinschaut und nun im Bild lesen kann. Der junge Kurt Beck beim pfälzischen Erlebnistag 1996 ähnelt in T-Shirt und mit Bauch von fern dem Sänger Joe Cocker - und man kommt ins Grübeln, wie er "With a little help from my friends" auslegen würde.

          Ein anderes Beispiel für diese Kunst des gleichsam denkenden Bildes ist ein Porträt des Philosophen Ernst Bloch, des Autors des "Prinzips Hoffnung": Angesichts des scharfen Mundes und des streng musternden Blicks wird für den Betrachter mit einem Mal fraglich, auf welchem dialektischen Weg das Wunder der Hoffnung den Weg zu diesem Kopf fand. Wunderbar auch die Fotografie eines kleinen Jungen, der nach der Wahlrede Helmut Kohls auf dem Leipziger Marktplatz, hinter einem CDU-Plakat stehend, die sozialistische Faust ballt. Was deutbar wäre als Protest der Beharrung, kann auch einfach nur die staatlich eingeübte Bekräftigungsgeste sein - das bleibt unentschieden und verweist schon auf all die gemischten Gefühle, die die Vereinigung noch lange begleiten sollten.

          Wer also auf sich selbst zurückblicken möchte oder sich einfach nur den Wandel Deutschlands vor Augen halten will, begegnet mit dem Band von Erika Sulzer-Kleinemeier einer wunderbar hintergründigen visuellen Selbstbefragung, in der Dauer und Augenblick zusammenfallen.

          MICHAEL JEISMANN

          Erika Sulzer-Kleinemeier: "Fotografien 1967 bis 2007". Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2007. 204 S., Abb., br., 28,- [Euro].

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