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: Aus dem Taumel dionysischer Verunsicherung

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Man könnte sich dieses Buch auch als Teil einer Reihe vorstellen: Lesarten der Philosophie Kants, Hegels, Husserls. Welcher andere Band vermöchte aber eine solche Galerie zeitgenössischer Größen von Deleuze, Foucault, Derrida über Vattimo bis Paul de Man, Eagleton, Rorty versammeln wie diese philosophischen Lesarten ...

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          Man könnte sich dieses Buch auch als Teil einer Reihe vorstellen: Lesarten der Philosophie Kants, Hegels, Husserls. Welcher andere Band vermöchte aber eine solche Galerie zeitgenössischer Größen von Deleuze, Foucault, Derrida über Vattimo bis Paul de Man, Eagleton, Rorty versammeln wie diese philosophischen Lesarten zu Nietzsche? Der deutsche Antisystematiker hat das philosophische Denken des vergangenen Jahrhunderts mehr als alle anderen Philosophen weg vom begriffsgeschichtlichen Kommentieren hin zur schöpferischen Weiterverarbeitung gedrängt. Und diese stimulierende Kraft ist es, welche im originellen Ansatz dieses Buchs am deutlichsten zum Vorschein kommt.

          Statt einer philologischen Rezeptionsgeschichte zu Nietzsche in Frankreich, Italien und der angelsächsischen Welt bietet der Autor ein Panorama der jeweiligen philosophischen Denksysteme, in denen Nietzsches Vermächtnis produktiv weiterwirkte. Diese Darstellung an der Grenze zwischen Nietzsche-Forschung und philosophisch-systematischer Nietzsche-Diskussion läßt sich zugleich als perspektivisch gebrochene Einführung in die Problematik der behandelten Gegenwartsphilosophen lesen und setzt dieses Buch gegen vergleichbare Studien von Werner Hamacher oder Jacques Le Rider ab. Nietzsche erscheint so, zumal aus der französischen Rezeptionsperspektive, als das maßgebende Muster für das Projekt einer Überwindung der Metaphysik.

          Daß das Perspektivengefüge Nietzsches und Heideggers gerade aus Frankreich in den letzten Jahrzehnten vielfältig auf Deutschland zurückgestrahlt habe, ist ein Gemeinplatz geworden. Die Dauerrezeption des deutschen Philosophen seit Charles Andler, André Gide, Paul Valéry hat zunächst bei Georges Bataille, dann bei Maurice Blanchot, Pierre Klossowski, Deleuze, Foucault, Derrida einen Impuls erhalten, der dessen Werk nicht mehr als Baustein der Philosophiegeschichte wahrnahm, sondern es als Detonationskörper im jeweils eigenen Wegstück aus dem Horizont eines philosophischen locus veritatis mittrug. Im Zeichen Nietzsches, schreibt Reckermann elegant, habe der vielleicht beste Teil der französischen Gegenwartsphilosophie "ein Experiment mit sich selbst unternommen".

          Den entscheidenden, auch in Frankreich kontrovers diskutierten Punkt sieht der Autor in der Frage, ob Nietzsche tatsächlich als dekonstruktionistischer Künder intentionslos willkürlicher Zeichenspiele ohne jeden festen Deutungsgrund oder doch letztlich als Anreger einer neuen Ontologie mit substantiellen Lehrinhalten gelten soll.

          So scharf Reckermann die Spuren des dekonstruktiven Nietzsche im Werk von Deleuze und Foucault herausarbeitet, läßt sich zwischen den Zeilen eine Neigung zur letzteren der beiden Positionen heraushören: Nietzsche als Impulsgeber einer Reontologisierung des philosophischen Diskurses. Das gibt dem Autor Gelegenheit, im Zeichen Nietzsches als Metaphysiker und als Psychologe ein gutes Dutzend weniger bekannte Figuren der französischen Gegenwartsphilosophie ins Spiel zu bringen, von Pierre Boudot bis Michel Henry, Jean Granier, Alain Juranville, Eric Blondel. Ein breiter Konsens herrscht in der französischen Diskussion darüber, Nietzsche als Vertreter der radikalen Infragestellung sämtlicher Wahrheitsvorgaben zu sehen mit der Sprengkraft eines Heraklit. Und auffällig ist der Rückgriff in Frankreich weniger auf die frühen Schriften als aufs Spätwerk mit den "Lehren" vom Willen zur Macht und der ewigen Wiederkehr. Aus diesen Reaktionsspuren vom "Taumel dionysischer Verunsicherung" heraus faßt Reckermann die in seinen Augen beachtlichsten Vorschläge der französischen Nietzsche-Rezeption zusammen. Dazu gehört der Rückgang auf die Quellen philosophischer Reflexion, aus denen auch die Metaphysik entsprungen ist, deren Gefälle nun aber anders gelegt wird: in der Sprudelrichtung endlos beliebiger Umdeutung und Umwertung einerseits, im Sinn einer neuen "Ontologie" mit entsprechenden Ansätzen zu substantieller Weltdeutung andererseits. Was dem Autor in der französischen wie auch der italienischen Rezeption indessen fehlt, ist eine überzeugende Verarbeitung der politischen Dimension Nietzsches: Dafür müsse man sich an die Diskussionsbeiträge der angelsächsischen Länder wenden, die sich diesem Thema mit bemerkenswerter Offenheit gestellt hätten. Das mag sein. Doch hätte dieser Aspekt - präsent etwa in dem von Luc Ferry und Alain Renaut herausgegebenen Band "Pourquoi nous ne sommes pas nietzschéens" (1991) - von Reckermann zumindest angerissen werden können.

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