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Sein Nachlass ist noch nicht ausgeschöpft: Hans Blumenberg (1920 - 1996). Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Neues Buch von Hans Blumenberg : Umwege führen zur Kultur

Realität ist, was unsere Erwartungen enttäuschen kann: Zum hundertsten Geburtstag von Hans Blumenberg erscheint ein weiterer Band aus seinem Nachlass.

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          Aus dem Nachlass des 1996 verstorbenen Philosophen Hans Blumenberg werden seitdem in einem fort Manuskripte publiziert. Wir zählen inzwischen etwa zwanzig Bände; mehr als zu Lebzeiten des Autors erschienen waren. Weit entfernt, dass es sich dabei nur um die Versammlung bis dahin verstreut publizierter Aufsätze, um Liegengelassenes oder um Marginalien handelt, sind Hauptwerke darunter – eine Anthropologie, eine Theorie der Lebenswelt und eine Theorie der Subjektivität –, fertige Monographien – über Fontane und über den Umgang mit Löwen in der Ideengeschichte – sowie Manuskripte, zu deren Vollendung vermutlich nicht viel Lebenszeit gefehlt hätte.

          Nimmt man hinzu, dass Blumenberg nach seinem Werk „Höhlenausgänge“, einer 1989 herausgekommenen Denkgeschichte der Zwei-Welten-Lehren seit Platons Höhlengleichnis, bis zu seinem Tod nichts mehr in Buchform veröffentlicht hat, lässt sich von einer bewusst auf den Nachlass hin angelegten Produktion sprechen. Blumenberg hat früh die Einstellung der ersten Astronomen gepriesen, die Beobachtungen festhielten und studierten, von denen sie wussten, dass erst nachlebende Kollegen etwas mit ihnen würden anfangen können. Er selbst exemplifiziert eine solche Haltung: die Bevorzugung der fortlaufenden Verbesserung von Gedanken gegenüber dem Miterleben ihrer Wirkung.

          Epochen und ihre „Wirklichkeiten“

          Der vorliegende Band zeigt das besonders deutlich. Er führt Gedanken aus, die Blumenberg 1964 zu ersten Tagung der legendären Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ beigesteuert hatte. Danach lassen sich den philosophischen Großepochen der Antike, des Mittelalters, der Neuzeit und der Moderne vier Begriffe von Wirklichkeit zuordnen. Als „wirklich“ kann bezeichnet werden, was durch momentane Präsenz, vor allem Sichtbarkeit, unwidersprechlich wirkt. Dem aus Platons Höhle Befreiten schlägt Licht in die Augen, in dem sich allmählich die Originale der Schattenbilder zeigen, die ihm bis dahin wirklich schienen.

          Hans Blumenberg: „Realität und Realismus“.

          Hingegen gilt als wirklich im mittelalterlichen Denken, was durch eine dritte Instanz zwischen Bewusstsein und Welt verbürgt ist. Da Gott verkannt wurde, sich also nicht evident zeigte, muss an ihn umso mehr geglaubt werden, je mehr seine Wiederkehr auf sich warten lässt. Er wiederum muss sich, ebenso wie die Zeugen seines Wirkens, beglaubigen. Das führt von Prophezeiungen und Wundern bis zu den Fingerabdrücken Jesu im Stein der Benediktinerabtei Einsiedeln in Schwyz, aber auch zu Bibelphilologie und zu Descartes Spekulation über einen bösen, unverlässlichen Gott, der uns alle Wirklichkeit nur vorspielt.

          Leibniz gegen Descartes

          Wenn schon, antwortet Leibniz, der für Blumenberg exemplarisch neuzeitliche Denker. Wäre alles eine von Gott veranlasste Täuschung, so könnten wir so lange damit leben – und es bliebe uns auch gar nichts anderes übrig –, als diese „Wirklichkeit“ in sich schlüssig erschiene. Realität ist, was uns nicht ständig mit Enttäuschungen unserer Erwartungen konfrontiert. Mehr als Konsistenz plus Auffüllbarkeit etwaiger Erfahrungslücken und -brüche ist nicht zu haben.

          Blumenberg geht zahlreichen Implikationen dieser Wirklichkeitsbegriffe nach, etwa wie sie sich zum ästhetischen Schein verhalten. Das Theater wirft andere Täuschungsfragen auf als die Erzählung oder die Bildkunst. In Wirklichkeitsbegriffen liegen Handlungsprogramme: Erst die Neuzeit öffne die Erfahrung prinzipiell für Neues, mache Überraschung erwartbar und traue sich zu, jedwede Unstimmigkeit aufzulösen. Zugleich enthält der spät aufkommende Begriff „Lebenslüge“ eine Kritik des Konsistenzkriteriums für Wirklichkeiten, indem er auf Menschen hinweist, die sich alle Tatsachen nach ihren Wünschen zurechtlegen und womöglich sogar – Blumenbergs Beispiel ist Hitler – die ganze Wirklichkeit, als abhängig von ihrem Willen auffassen, sofern sie sich nur gegen Widerspruch abschließen lässt. Eine andere Variation gilt dem unsichtbare Wirklichen in Gestalt von Erregern, Kampfgasen und Strahlungen.

          Widerständigkeit als moderner Realitätsausweis

          Das führt zu den Passagen des Manuskripts, die sich mit dem modernen Wirklichkeitsbegriff befassen, der zwei Merkmale hat. Zum einen bedeutet Realismus modern die Negation von Wünschen. Hier, bei Freud etwa, ist Realität gleich Widerstand. Man holt sich Beulen an der Wirklichkeit, ihr Inbegriff ist der Schmerz als das, was sich niemand – „den fabulösen Masochismus ausgenommen“, wie Blumenberg notiert – wünscht. Wirklichkeit zwingt als Widerstand zu Umwegen, also zu Kultur.

          Zum anderen sind gerade in der Kultur nichtrealistische Einstellungen institutionalisiert: Luxus, Phantasie, Rebellion, Moralismus, das unrealistische Drängeln, jeder denkbare Fortschritt müsse in der nächsten Legislaturperiode beschlossen werden. Blumenberg hält typische Wirklichkeitsverluste der modernen Gesellschaft fest: Je weniger unmittelbare Erfahrung im Umgang mit Kindern gegeben sind, desto mehr blühen beispielsweise als Pädagogik oder Psychoanalyse angebotene Spekulationen über deren Leben, die „etwas von der theoretischen Qualität der Welteislehre haben“.

          Wider die Resolutionsfreude

          Je weiter sich in der Gesellschaft die Welt der Dienstleitungsberufe ausdehnt, desto stärker entsteht der Irrtum, durch Beratung, Beschluss und Entschließung lasse sich die Wirklichkeit in eine wünschenswerte Form bringen. Man will Geschichte durch Resolutionen und andere Formen symbolischen Fußaufstampfens machen: „Dabei weiß jeder, wenn er es nur wissen will, was aus solchen Resolutionen schon am folgenden Tag geworden ist.“ Blumenberg, der an seinem Manuskript zwischen 1970 und 1984 arbeitete, reagiert hier wie an anderen Stellen ersichtlich auf die zeitgenössische Resolutionsfreude. Die Vermutung, dass sich die gegenwärtige nicht stark von ihr abhebt, liegt nahe.

          Vielleicht war es diese Vielfalt an Motiven, die in die oft implizite Begriffsgeschichte von „Wirklichkeit“ hineinspielen, die verhindert hat, dass aus dem Manuskript ein Buch wurde. Der ungläubige Thomas und Newton, Judas als Realist und die Rolle der Rhetorik als Störfaktor zu einfacher Wirklichkeitskonzepte, der ästhetische Realismus bei Diderot und das Unbewusste als Grenzfall von Wirklichkeit – sie alle sind hier anregungsreich und in einer völlig entspannten Sprache in eine große Skizze eingebracht. Es steckt ein Dutzend Bücher in diesem Nichtbuch.

          Hans Blumenberg: „Realität und Realismus“. Hrsg. von Nicola Zambon. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 232 S., geb., 30,– €.

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