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Aurel Schmidt: Die Alpen : Oben sieht die Welt intakt aus

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Dem Leser kann bei dieser Gipfelwanderung schwindlig werden: Mit seinem Buch über die Alpen hat der Basler Schriftsteller Aurel Schmidt eine Schweizer Mentalitäts- und europäische Geistesgeschichte geschrieben.

          4 Min.

          Das erste Unspunnenfest fand 1805 in Interlaken statt. Inszeniert wurde es auf Initiative der Stadt Bern zu ihrer Versöhnung mit dem aufmüpfigen Oberland, das unter Napoleon während kurzer Zeit einen eigenen Kanton gebildet hatte. Das Landvolk sollte sich in den alten Wettspielen üben und das praktisch ausgestorbene Alphornblasen wieder praktizieren. Eine Volkskultur im Geiste Rousseaus konnten sich auch reaktionäre Regime sehr wohl zunutze machen. Die patriotischen Feste belebten zudem den Tourismus, der während der kurzen „Franzosenzeit“ arg gelitten hatte. Die gebildeten Stände aus halb Europa reisten zum Unspunnenfest in die Schweiz.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aurel Schmidt sieht die Veranstaltung auf dem „kleinen Rütli“ an einem Wendepunkt der Schweizer Geschichte. Für die Zeit bis 1800 spricht er vom klassischen Zeitalter der Alpen als „Museum der Freiheit“. Das Ancien Régime wurde von Napoleon gestürzt, ein halbes Jahrhundert später wird 1848 die moderne demokratische Schweiz entstehen. Mit dem Unspunnenfest versuchten die Berner Patrizier, ihre verlorene Macht zu restaurieren: „Dem Wohlstand und Glück des Cantons Bern und aller seiner Bewohner, unter der Leitung einer weisen vaterländischen Regierung“ war es geweiht. So liest man in einem zeitgenössischen Dokument.

          Abschottung von Europa

          Doch das Berner Landvolk ließ sich nicht mehr so leicht manipulieren: Es empfand die Feste zur nationalen Erneuerung als Entfremdung seiner Kultur. Das Unspunnenfest wurde eingestellt, die Idee indes von den europäischen Fürsten aufgenommen: Das Münchner Oktoberfest geht auf das eidgenössische Beispiel zurück. Erst seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts - als im Zuge der nationalen Einigungsprozesse in Europa der 1. August als Nationalfeiertag eingeführt wurde - werden in der Schweiz wieder Schwing- und Hirtenfeste mit Umzügen, Jodeldarbietungen, Alphornkonzerten, Festspielen durchgeführt. Das zweite Unspunnenfest fand 1808, das dritte 1905 statt - und wird seither regelmäßig gefeiert.

          Zu Beginn des neuen Jahrtausends sind diese traditionellen Spiele wie Steinstoßen, Schwingen, Schießen, Hornussen in der Schweiz extrem populär - auch bei der Stadtbevölkerung. Diese Beliebtheit mag eine Antwort auf die Globalisierung sein und Ausdruck der Abschottung von Europa. Deutlicher als jede politische Abhandlung macht Aurel Schmidts Darstellung der Alpen nachvollziehbar, wie es möglich war, im Zweiten Weltkrieg die Eidgenossen mit der Idee des „Réduits“ gegen die Bedrohung von außen zu mobilisieren: Im Falle eines deutschen Angriffs wäre das bewohnte Mittelland mit den Städten aufgegeben worden und nur der Alpenraum mit seinen Gipfeln und Geröllhalden verteidigt worden.

          Traurige Berge und fast nie eine weite Aussicht

          Unter den Bergen gibt es ein verzweigtes Netz von Bunkern, die langsam - und unter Aufwendung großer finanzieller Mittel - abgewickelt werden müssen. Die Réduit-Ideologie, der von den rechtskonservativen, europafeindlichen Kreisen weiterhin gehuldigt wird, konnte funktionieren, weil die Alpen, wie Aurel Schmidt schreibt, ein „Vermächtnis“ sind.

          Und ein Mythos: Käse und Kühe gehören dazu wie Sennen und die Soldaten, die das Land verteidigen. Sowie ein reiche Kultur und Literatur. Die Beschreibung der Alpen durch Albrecht von Haller und Rousseau haben sie in der Welt bekannt gemacht. Genauso souverän präsentiert der Autor die Welt der Sagen. Er zitiert die frühesten Beschreibungen bei Titus Livius. Und muss feststellen, dass man nicht genau weiß, welchen Weg Hannibal mit seinen Elefanten genommen hatte. Schmidt schildert die deutsche Begeisterung für die Schweiz und begleitet Hegel ins Haslital: „Der Eindruck, den er von den Alpen festhielt, fiel vernichtend aus.“ Der Philosoph des „Weltgeists“ kann die Schwärmerei all der enthusiastischen Schweiz-Reisenden vor ihm nicht teilen. Nicht einmal die Tellskapelle am Vierwaldstätter See entlockt ihm ein Wort des Entzückens. „Niedrige Hügel, traurige Berge und fast nie eine weite Aussicht“ - Aurel Schmidt deutet Hegels Ernüchterung als „frühen Abschied von den Aufregungen der Alpen“.

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