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Hans Maiers Aufsätze : Dann erhebt sich ein Vagant und verlässt den Priesterstand

Acht Aufsätze des Jubilars hat der Beck-Verlag, der schon Maiers gesammelte Werke in fünf Bänden sowie seine Memoiren herausgebracht hat, zu einem handlichen Band vereint. Ein Buch über Deutschland wird dem Leser versprochen, und es passt zum Naturell Maiers, dem das Frömmlerische zuwider ist, dass Titel und Untertitel keinen Hinweis auf die Religion enthalten, obwohl es die religionspolitische Konstellation ist, aus der fast jede Studie das Besondere der jeweiligen deutschen Besonderheit erschließt. Die Leser begeben sich auf Deutschland-Reise unter Anleitung eines Wanderbischofs, der seine Mitra zusammengefaltet und mutmaßlich zwischen den Seiten eines Buches verstaut hat, vielleicht in einer Schrift eines seiner Freiburger Lehrer im Fach Geschichte wie Gerd Tellenbach („Libertas“) und Gerhard Ritter („Die Weltwirkung der Reformation“).

Hitler schätzte den Reichsbegriff nicht

Zwei Beiträge entfalten die Implikationen der Begriffe „Säkularisation“ und „Reich“. Man kann sie als gegenläufig auffassen. Indem der Staat der Deutschen ein Reich sein wollte, holte er dem Anspruch nach den Himmel auf die Erde, als Gegenüber der Kirche mit der Heiligkeit im Staatsnamen. Die Säkularisation steht dagegen für die Trennung der Sphären. In einem Aufsatz von 2003, aus dem Jubiläumsjahr des Reichsdeputationshauptschlusses, das einen reichen Ertrag historischer Forschungen erbrachte, erinnert Maier indessen daran, dass das Kirchenrecht den Terminus der Säkularisation schon kannte: Er bezeichnet den Wechsel eines Ordensklerikers in den beweglicheren Stand des Weltgeistlichen.

Ein Aufsatz, der 2019 in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ erschien, der Zeitschrift des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, geht von der Beobachtung aus, dass Hitler den von seiner eigenen Propaganda erfundenen Namen des Dritten Reiches nicht besonders schätzte. In dieser Ablehnung der Reichstradition, die der Staat der Revolution von 1933 scheinbar auf den Höhepunkt führte, erkennt Maier einen antichristlichen und einen unhistorischen Zug des Nationalsozialismus. Sogar die Überbietung der Tradition war Hitler noch zu viel Tradition. Eine Fußnote führt für den parodistischen Umgang des Volksmunds mit dem Reichsbegriff der Amtssprache eine ungewöhnliche Quelle an: „1931 geboren und von der Nazi- und Kriegszeit noch gestreift, schöpft der Verfasser diese Daten aus eigener Erinnerung und aus den Erzählungen älterer Verwandter und Zeitgenossen.“

Entleerung der Hölle

Maiers Münchner Antrittsvorlesung hatte 1962 das Thema „Die Deutschen und der Westen“, vorgeführt am Gegensatz zwischen der westeuropäischen Staatslehre der frühen Neuzeit und der gleichzeitigen Reichspublizistik. Dass die deutsche Naturrechtslehre den Gegensatz von Volk und Herrscher nicht revolutionär zuspitzte, hatte mit dem Staatskirchentum zu tun, aber auch mit der wechselseitigen Anerkennung der Konfessionen. Eine Alternative zum Bestehenden musste nicht im Namen des freien Gewissens postuliert werden, weil sie in den konfessionellen Doppelstrukturen der Reichsverfassung schon institutionell verankert war.

Goethes „Faust“ deutet Maier als „das Drama der Deutschen“ – mit der Pointe der Entdramatisierung: Der Doktor wird gerettet, das Stück geht gut aus, ist also eine Komödie. Maier vermutet einen Widerhall des Gedankens der Apokatastasis, der „Wiederbringung“ aller Gestorbenen. Diese Hoffnung auf Entleerung der Hölle war in der deutschen spekulativen Theologie besonders populär. In Maiers multireligiösem Freiburg hätte sein Faust getrost verweilt.

Hans Maier: „Deutschland“. Wegmarken seiner Geschichte. C.H. Beck Verlag, München 2021. 206 S., geb., 24,– €.

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