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: Auf Vernichtung lief's hinaus

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Verzweiflungsvolle Monologe, depressive Abstürze bis hin zu Selbstmordphantasien, haltlose Euphorien und Allmachtsvorstellungen, dann wieder zerknirschte Verwünschungen - kein Zweifel, Faust ist die wandelnde Negation aller Goetheschen Zivilisationsideale. Der nervöse Gelehrte und spätere Kolonisator setzt sich über alle Regeln klassischer Lebenskunst und Mäßigung hinweg.

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          Verzweiflungsvolle Monologe, depressive Abstürze bis hin zu Selbstmordphantasien, haltlose Euphorien und Allmachtsvorstellungen, dann wieder zerknirschte Verwünschungen - kein Zweifel, Faust ist die wandelnde Negation aller Goetheschen Zivilisationsideale. Der nervöse Gelehrte und spätere Kolonisator setzt sich über alle Regeln klassischer Lebenskunst und Mäßigung hinweg. Warum gab sich Goethe dann aber immer wieder mit der ungeliebten Figur ab?

          Die Faust-Tragödie und ihre Hauptfigur, die an zentraler Stelle die "Geduld" verflucht, waren geeignet, Goethes wachsendes Mißbehagen am "veloziferischen Unwesen" der Moderne zum Ausdruck zu bringen. So die Antwort, die Michael Jaeger in seiner Habilitationsschrift auf diese Frage gibt. Es ist - durchaus im Einklang mit Goethe - eine fulminante kritische Demontage der Faust-Figur. Am Ende bleibt vom berühmtesten deutschen Dramenhelden nur eine Karikatur des prometheischen Menschen. Die mächtige Wirkungsgeschichte der Tragödie ist demnach in die falsche Richtung gelaufen. Die identitätsstiftende Nationaldichtung der Deutschen hatte im Lauf der letzten zweihundert Jahre vor allem viel Gutes zu bedeuten. Fausts Streben wurde in gängiger perfektibilistischer Lesart als höchste Tugend des sich emanzipierenden Menschen verstanden. Im ideengeschichtlichen Teil seines Buches zeigt Jaeger, wie die Faust-Figur ins ideologische Spannungsfeld des 20. Jahrhunderts geriet. Ernst Bloch wollte in den Stationen des Dramas, wie bereits viele spekulierende Interpreten vor ihm, eine "Lernfahrt des Subjekts" erkennen: Wo Hegel mit den Siebenmeilenstiefeln des Begriffs anlange, komme Faust mit Mephistos Zaubermantel hin.

          Für Georg Lukács wurde Goethes Werk zum "Drama der Menschengattung", das mit dem vorgeschriebenen Gang der marxistisch-leninistischen Geschichte in eins zu setzen war. Jaeger faßt Lukács' Interpretation aber nicht bloß als Verbiegung auf. Der "jakobinische Charakter" Fausts sei durchaus zutreffend festgestellt. Nur daß es sich nicht um eine Identifikations-, sondern um eine Schreckensgestalt handele. Erst Oswald Spengler, der das Abendland im Zeichen faustischer Geschichtstragik deutete, habe die moderne Prägung Fausts richtig erkannt: Mit seiner Getriebenheit und seinem unbedingten Willen zur Tat sei er "unklassisch vom Scheitel bis zur Sohle".

          Jaegers eigentlicher Gewährsmann ist jedoch Karl Löwith, der 1939 mit "Von Hegel zu Nietzsche" das wichtigste Buch gegen die Geschichtsphilosophie und ihre Heilsperspektiven schrieb. Darin hielt er der revolutionären Leidenschaft und dem profanen Messianismus die Humanität Goethes und seine Philosophie des erfüllten Augenblicks entgegen. Eine Philosophie, von der Faust nichts wissen will; bekanntlich wettet er sogar mit dem Teufel darauf, daß sich dieser Augenblick nie einstellen werde. Sein Streben entspringt einem nervenzerrenden Ungenügen an der Realität: "Er, unbefriedigt jeden Augenblick". Faust ist der Prototyp "moderner Angstzustände".

          Aber schon dem späten Goethe selbst ging es offenbar nicht nur um eine Psychopathologie, sondern auch um die politische Dynamik der Moderne. Vor allem die frühsozialistischen Theorien im Umkreis des Saint-Simonismus wurden ihm zum beunruhigenden Masterplan der neuen Zeit. Ihm graute vor den säkularisierten Menschheitsbeglückungsphantasien, die eine schöne Zukunft mit Opfern erkaufen möchten - nichts außer dem Tod verabscheute Goethe so wie das "Opfer", sei es das christlich-religiöse, sei es das fortschrittspolitische der Revolution. Anstelle des Glaubens wollte Saint-Simon eine Technikreligion installieren, deren profane Kultfigur ausgerechnet Isaac Newton sein sollte; das war zuviel für Goethe. Der nie vergessene Schrecken vor "Robespierre's Greuelthaten" packte ihn wieder unter dem Eindruck der Pariser Juli-Unruhen von 1830, die er genauestens verfolgte. Man sah den Zeitungsverächter in permanenter Lektüre der französischen Blätter. Das ist der Hintergrund der Abschlußarbeiten am zweiten Teil.

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