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: "Auf Mexikaner können Sie sich nicht verlassen"

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Seit seiner These vom "Clash of Civilizations" gilt Samuel P. Huntington als Kassandra der Politikwissenschaft. Auch mit seinem neuen Buch "Who Are We? Die Krise der amerikanischen Identität" (Europa-Verlag, 540 Seiten, 28,90 Euro) beweist der 78jährige Professor aus Harvard sein Talent für die Dramatisierung offensichtlicher Probleme.

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          Seit seiner These vom "Clash of Civilizations" gilt Samuel P. Huntington als Kassandra der Politikwissenschaft. Auch mit seinem neuen Buch "Who Are We? Die Krise der amerikanischen Identität" (Europa-Verlag, 540 Seiten, 28,90 Euro) beweist der 78jährige Professor aus Harvard sein Talent für die Dramatisierung offensichtlicher Probleme. Der Kampf der Kulturen hat darin einen neuen Schauplatz gefunden, das amerikanische homeland, und die Gefahr kommt gleich aus dem Nachbarland: Das enorme Ausmaß der hispanischen Einwanderung, so Huntington, gefährde die amerikanische Identität. Spätestens 2010, so die Prognose, wird jeder zweite Einwohner von Los Angeles lateinamerikanischer Herkunft sein, 2050 werden die weißen US-Bürger nicht mehr die Mehrheit bilden. Kann man den amerikanischen Traum nur auf englisch träumen? Und muß auch Europa Angst vor einer neuen Art von Kulturkampf haben, einer Zersetzung seiner Identität von innen? Wir trafen den Nachfahren von Simon und Margaret Huntington, die 1633, dreizehn Jahre nach der "Mayflower", nach Amerika kamen, am Rande eines Vortrags der Stiftung Neuhardenberg.

          In Ihrem neuen Buch "Who Are We?" sehen Sie die amerikanische Identität in Gefahr, vor allem durch die starke Einwanderungswelle aus Lateinamerika. Bisher galten die Vereinigten Staaten immer als Vorbild, wenn es um die Eingliederung von Migranten in die Gesellschaft ging. Warum trauen Sie den integrativen Kräften nicht mehr?

          Weil sich die amerikanische Gesellschaft und die Werte verändert haben. All diese multikulturellen Ideen propagieren eher Vielfalt als Einheit. Wir legen keinen Wert mehr auf die Integration von Einwanderern. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es überall Einwandererbehörden. Sie hießen sogar "Americanization Bureaus". Es gab sorgfältig ausgearbeitete Programme, manchmal mit Zwangscharakter, in denen man die Immigranten in amerikanischen Werten und Kultur unterrichtete. Heute gibt es so etwas kaum noch. Außerdem ist es eine andere Art der Einwanderung. Zum ersten Mal kommen riesige Mengen von Einwanderern aus einem Nachbarland über einen flachen Fluß zu uns.

          Wieviel Integration - Sie reden sogar von Assimilierung - halten Sie denn für notwendig?

          Das läßt sich sicherlich nicht messen. Aber das Ausmaß, die starke hispanische Prägung, die Konzentration in den Staaten des Südwestens - all das macht die Assimilierung schwierig. Es birgt das Risiko einer populistischen Gegenreaktion, vor allem wegen der Gefahr, daß Spanisch die zweite Landessprache der Vereinigten Staaten wird. Wir hatten noch nie zwei Landessprachen. Das bedeutet, daß Arbeitgeber zweisprachige Bewerber bevorzugen werden - aber wer wird zweisprachig sein? Natürlich die Immigranten und ihre Kinder. Die nichthispanischen Weißen sagen sich dann natürlich: Warum sollten wir uns ihrer Kultur anpassen und Spanisch lernen, um gleiche Chancen auf einen Job oder eine Beförderung zu haben?

          Waren nicht all die Ängste, die Sie ansprechen, schon immer eine Begleiterscheinung von Immigration?

          Ja, sicher. In den beiden großen Einwanderungswellen der Vergangenheit hatten die Menschen vor allem wirtschaftliche Bedenken. Aber die erste Einwanderungswelle Mitte des 19. Jahrhunderts wurde infolge des Bürgerkriegs sehr plötzlich gestoppt - genauso wie die zweite Welle infolge des Ersten Weltkriegs. Ein Ende der aktuellen Welle ist nicht in Sicht.

          Sprache ist nur einer der Bestandteile des, wie Sie es nennen, "anglo-protestantischen Kerns" der amerikanischen Identität. Dazu gehören auch das Christentum und die protestantische Arbeitsethik. Welche dieser Werte sind denn von der hispanischen Einwanderung noch bedroht?

          Ein gewaltiger Unterschied, das haben Studien herausgefunden, ist die ganze Einstellung zur Zeit - Pünktlichkeit. Wenn Sie von einem Mexikaner verlangen, zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem wichtigen Termin zu erscheinen, wird er zwar versprechen zu kommen, aber er wird nicht auftauchen. Mexikaner sind oft harte Arbeiter, aber Sie können sich eben nicht auf sie verlassen. Diese laxe Einstellung gegenüber der Zeit unterscheidet sich stark von der der Amerikaner. Wir schauen ständig auf die Uhr.

          Ist Pünktlichkeit ein essentieller Bestandteil der amerikanischen Identität?

          Bis jetzt war es einer. Und bis heute haben das auch alle Einwanderer akzeptiert. Aber die Mexikaner verstehen sich eben nicht als Amerikaner. Und weil sie aus einem angrenzenden Land kommen, fällt es ihnen sehr leicht, den Kontakt zu ihrer mexikanischen Kultur aufrechtzuerhalten.

          Wir haben in Europa eine vergleichsweise geringe Einwanderung und trotzdem viel größere Widerstände als in den Vereinigten Staaten. Überrascht Sie das?

          Das überrascht mich nicht. Historisch waren die europäischen Länder immer Quellen der Emigration. Im 19. und 20. Jahrhundert haben Millionen von Menschen Europa verlassen. Die Immigration aus den muslimischen Ländern - oder wie in Frankreich und Großbritannien aus den ehemaligen Kolonien - ist ein junges Phänomen. Die Europäer müssen erst lernen, damit umzugehen.

          Aber warum tun sie sich so schwer mit der Integration von Fremden, trotz der Vielfalt der Kulturen, die hier schon existiert? Gibt es überhaupt so etwas wie eine europäische Identität?

          Ich glaube schon. Das ist einer der großen Unterschiede zwischen Europa und Asien. Ein Europäer würde sich vielleicht zuerst als Deutscher oder Katholik bezeichnen, aber an einem bestimmten Punkt auch als Europäer. Wenn Sie einen Asiaten fragen, würde er nie sagen, er ist Asiate. Asien ist eine geographische Region, keine Einheit mit irgendeinem Sinn für gemeinsame Traditionen, Religion oder Kultur.

          Und gleichzeitig sehen viele Europäer ihre jeweilige nationale Identität gerade durch die Europäische Union gefährdet. Eben erst haben die Bürger zweier wichtiger Mitgliedsstaaten die EU-Verfassung abgelehnt.

          Was wir hier sehen, ist, daß der ganze Prozeß der Globalisierung - und auch der der Europäisierung - von Eliten unter sehr geringer Einbeziehung der Bevölkerung gestaltet wird. Davon fühlen sich die Menschen bedroht.

          Was sind denn die zentralen Werte der europäischen Identität? Spielt denn die Religion eine große Rolle?

          Natürlich. Europa ist ein relativ junger Begriff, um Menschen, die wir mit Europäern meinen, zu beschreiben. Viele Jahrhunderte lang redete man vom Christentum, wenn man Europa meinte. Selbstverständlich ist das gemeinsame christliche Erbe wesentlich für die europäische Identität. Deshalb haben die Europäer heute einige Schwierigkeiten mit den Moslems.

          Aber es gibt doch auch ein säkulares Erbe. Warum macht es dieser Säkularismus nicht einfacher, Einwanderer zu integrieren?

          Verglichen mit den Vereinigten Staaten ist Europa vielleicht säkularer geprägt, aber es ist ein christlicher Säkularismus. Vielleicht täusche ich mich, aber mein Eindruck ist, daß die muslimischen Einwanderer in den europäischen Ländern sehr selbstbewußt ihre eigenen Gemeinschaften pflegen und ihre Religion aufrechterhalten. Das schafft natürlich Probleme. Bezeichnend war etwa die alberne Affäre um Kopftücher in Frankreich. Die Moslems bestanden auf ihren Traditionen, und die Franzosen empfanden das als Bedrohung für ihre nationale Identität.

          Sollten sie denn Kopftücher tragen dürfen?

          Klar: Wenn sie ein Kopftuch tragen wollen, warum nicht?

          In Deutschland ging es in der Debatte vor allem um Lehrerinnen an staatlichen Schulen.

          Das ist schon ein Unterschied, da kann ich die Bedenken verstehen. Aber ich denke, niemand sollte dort etwas tragen, was eine bestimmte religiöse Identifikation symbolisiert. Also auch keine Kreuze oder andere Dinge. Aber das gilt nicht für die Schüler.

          Wäre denn der Beitritt der muslimischen Türkei zur Europäischen Union angesichts des christlichen Erbes eine Pervertierung der europäischen Identität - selbst wenn es sich um ein laizistisches Land handelt?

          Es würde die europäische Identität auf jeden Fall verändern. Wenn die Europäer ihre Identität in einem weiteren Sinne definieren wollen, etwa auf soziale und politische Weise, statt auf kulturelle und historische, dann ist das in Ordnung. Aber Europa wird dann nicht mehr das bedeuten, was es historisch bedeutet hat.

          In der Frage um den EU-Beitritt der Türkei geht es auch um strategische Überlegungen. Sogar die US-Regierung befürwortet einen Beitritt aus sicherheitspolitischen Gründen. Wäre eine europäische Türkei nicht eine perfekte Brücke zum Islam?

          Daran glaube ich nicht eine Sekunde lang. Die Türkei ist in der muslimischen Welt sehr isoliert. Sie hat seit jeher ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den arabischen Ländern. Ich sehe nicht, wie die Mitgliedschaft der Türkei eine Brücke irgendwohin sein sollte - außer in die Türkei.

          Viele Beobachter warnen davor, daß es nur zwei Wege für die Türkei gibt: die Europäisierung oder den Islamismus.

          Das schließt sich nicht gegenseitig aus. Während der vergangenen zehn Jahre entwickelten sich in der Türkei religiöse Bewegungen, die sich ausdrücklich als islamisch bezeichnen. Die EU-Mitgliedschaft der Türkei wird die Tendenz zum Islam nicht untergraben - sie könnte den Islamismus sogar stimulieren. In der EU müßten auch die Türken ihre Identität herausstellen, sie werden sich fragen müssen: "Wie unterscheiden wir uns von den anderen Ländern in der EU?"

          Aber wird es nicht auch europäische Ideen und Werte in die Türkei bringen?

          Ja, aber das ist schon längst geschehen. Der größte Einfluß der EU ist ja, daß sie anderen Ländern die Möglichkeit einer Mitgliedschaft anbieten kann. Infolgedessen haben all die osteuropäischen Länder und die Türkei all diese Veränderungen ihrer Gesetze, Zollbestimmungen, politischen Systeme et cetera gemacht, um sie an die Normen der EU anzupassen. Aber sobald die Türkei ein Mitglied der EU ist, glaube ich nicht, daß dieser Prozeß andauern wird.

          Sie halten das alles für Lippenbekenntnisse?

          Nein, es sind keine Lippenbekenntnisse. Aber der Anreiz für weitere Veränderungen wird einfach verschwinden.

          In Europa wird der Altersdurchschnitt 2005 bei 57,2 Jahren liegen - wird Einwanderung da nicht einfach zur sozialen Notwendigkeit? Gleichzeitig erleben wir, wie Immigranten, die die Festung Europa in Marokko buchstäblich stürmen, mit allen Mitteln zurückgewiesen werden. Müssen wir nicht andere Wege finden, mit Immigration umzugehen, als höhere Zäune zu bauen?

          Sie haben recht, bis zu einem gewissen Grad ist es im Interesse der europäischen Länder, eine gewisse Anzahl Einwanderer hereinzulassen, um ihr wirtschaftliches Wohlbefinden zu garantieren. Gleichzeitig können die Einwanderer auch negative wirtschaftliche Folgen verursachen. Entscheidend ist - für Europa wie für die Vereinigten Staaten -, die Kontrolle darüber zu behalten, wer ins Land kommt. Das mag es notwendig machen, Mauern zu errichten.

          Interview Harald Staun

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