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: "Auf Mexikaner können Sie sich nicht verlassen"

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Klar: Wenn sie ein Kopftuch tragen wollen, warum nicht?

In Deutschland ging es in der Debatte vor allem um Lehrerinnen an staatlichen Schulen.

Das ist schon ein Unterschied, da kann ich die Bedenken verstehen. Aber ich denke, niemand sollte dort etwas tragen, was eine bestimmte religiöse Identifikation symbolisiert. Also auch keine Kreuze oder andere Dinge. Aber das gilt nicht für die Schüler.

Wäre denn der Beitritt der muslimischen Türkei zur Europäischen Union angesichts des christlichen Erbes eine Pervertierung der europäischen Identität - selbst wenn es sich um ein laizistisches Land handelt?

Es würde die europäische Identität auf jeden Fall verändern. Wenn die Europäer ihre Identität in einem weiteren Sinne definieren wollen, etwa auf soziale und politische Weise, statt auf kulturelle und historische, dann ist das in Ordnung. Aber Europa wird dann nicht mehr das bedeuten, was es historisch bedeutet hat.

In der Frage um den EU-Beitritt der Türkei geht es auch um strategische Überlegungen. Sogar die US-Regierung befürwortet einen Beitritt aus sicherheitspolitischen Gründen. Wäre eine europäische Türkei nicht eine perfekte Brücke zum Islam?

Daran glaube ich nicht eine Sekunde lang. Die Türkei ist in der muslimischen Welt sehr isoliert. Sie hat seit jeher ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den arabischen Ländern. Ich sehe nicht, wie die Mitgliedschaft der Türkei eine Brücke irgendwohin sein sollte - außer in die Türkei.

Viele Beobachter warnen davor, daß es nur zwei Wege für die Türkei gibt: die Europäisierung oder den Islamismus.

Das schließt sich nicht gegenseitig aus. Während der vergangenen zehn Jahre entwickelten sich in der Türkei religiöse Bewegungen, die sich ausdrücklich als islamisch bezeichnen. Die EU-Mitgliedschaft der Türkei wird die Tendenz zum Islam nicht untergraben - sie könnte den Islamismus sogar stimulieren. In der EU müßten auch die Türken ihre Identität herausstellen, sie werden sich fragen müssen: "Wie unterscheiden wir uns von den anderen Ländern in der EU?"

Aber wird es nicht auch europäische Ideen und Werte in die Türkei bringen?

Ja, aber das ist schon längst geschehen. Der größte Einfluß der EU ist ja, daß sie anderen Ländern die Möglichkeit einer Mitgliedschaft anbieten kann. Infolgedessen haben all die osteuropäischen Länder und die Türkei all diese Veränderungen ihrer Gesetze, Zollbestimmungen, politischen Systeme et cetera gemacht, um sie an die Normen der EU anzupassen. Aber sobald die Türkei ein Mitglied der EU ist, glaube ich nicht, daß dieser Prozeß andauern wird.

Sie halten das alles für Lippenbekenntnisse?

Nein, es sind keine Lippenbekenntnisse. Aber der Anreiz für weitere Veränderungen wird einfach verschwinden.

In Europa wird der Altersdurchschnitt 2005 bei 57,2 Jahren liegen - wird Einwanderung da nicht einfach zur sozialen Notwendigkeit? Gleichzeitig erleben wir, wie Immigranten, die die Festung Europa in Marokko buchstäblich stürmen, mit allen Mitteln zurückgewiesen werden. Müssen wir nicht andere Wege finden, mit Immigration umzugehen, als höhere Zäune zu bauen?

Sie haben recht, bis zu einem gewissen Grad ist es im Interesse der europäischen Länder, eine gewisse Anzahl Einwanderer hereinzulassen, um ihr wirtschaftliches Wohlbefinden zu garantieren. Gleichzeitig können die Einwanderer auch negative wirtschaftliche Folgen verursachen. Entscheidend ist - für Europa wie für die Vereinigten Staaten -, die Kontrolle darüber zu behalten, wer ins Land kommt. Das mag es notwendig machen, Mauern zu errichten.

Interview Harald Staun

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