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: "Auf Mexikaner können Sie sich nicht verlassen"

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Ein gewaltiger Unterschied, das haben Studien herausgefunden, ist die ganze Einstellung zur Zeit - Pünktlichkeit. Wenn Sie von einem Mexikaner verlangen, zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem wichtigen Termin zu erscheinen, wird er zwar versprechen zu kommen, aber er wird nicht auftauchen. Mexikaner sind oft harte Arbeiter, aber Sie können sich eben nicht auf sie verlassen. Diese laxe Einstellung gegenüber der Zeit unterscheidet sich stark von der der Amerikaner. Wir schauen ständig auf die Uhr.

Ist Pünktlichkeit ein essentieller Bestandteil der amerikanischen Identität?

Bis jetzt war es einer. Und bis heute haben das auch alle Einwanderer akzeptiert. Aber die Mexikaner verstehen sich eben nicht als Amerikaner. Und weil sie aus einem angrenzenden Land kommen, fällt es ihnen sehr leicht, den Kontakt zu ihrer mexikanischen Kultur aufrechtzuerhalten.

Wir haben in Europa eine vergleichsweise geringe Einwanderung und trotzdem viel größere Widerstände als in den Vereinigten Staaten. Überrascht Sie das?

Das überrascht mich nicht. Historisch waren die europäischen Länder immer Quellen der Emigration. Im 19. und 20. Jahrhundert haben Millionen von Menschen Europa verlassen. Die Immigration aus den muslimischen Ländern - oder wie in Frankreich und Großbritannien aus den ehemaligen Kolonien - ist ein junges Phänomen. Die Europäer müssen erst lernen, damit umzugehen.

Aber warum tun sie sich so schwer mit der Integration von Fremden, trotz der Vielfalt der Kulturen, die hier schon existiert? Gibt es überhaupt so etwas wie eine europäische Identität?

Ich glaube schon. Das ist einer der großen Unterschiede zwischen Europa und Asien. Ein Europäer würde sich vielleicht zuerst als Deutscher oder Katholik bezeichnen, aber an einem bestimmten Punkt auch als Europäer. Wenn Sie einen Asiaten fragen, würde er nie sagen, er ist Asiate. Asien ist eine geographische Region, keine Einheit mit irgendeinem Sinn für gemeinsame Traditionen, Religion oder Kultur.

Und gleichzeitig sehen viele Europäer ihre jeweilige nationale Identität gerade durch die Europäische Union gefährdet. Eben erst haben die Bürger zweier wichtiger Mitgliedsstaaten die EU-Verfassung abgelehnt.

Was wir hier sehen, ist, daß der ganze Prozeß der Globalisierung - und auch der der Europäisierung - von Eliten unter sehr geringer Einbeziehung der Bevölkerung gestaltet wird. Davon fühlen sich die Menschen bedroht.

Was sind denn die zentralen Werte der europäischen Identität? Spielt denn die Religion eine große Rolle?

Natürlich. Europa ist ein relativ junger Begriff, um Menschen, die wir mit Europäern meinen, zu beschreiben. Viele Jahrhunderte lang redete man vom Christentum, wenn man Europa meinte. Selbstverständlich ist das gemeinsame christliche Erbe wesentlich für die europäische Identität. Deshalb haben die Europäer heute einige Schwierigkeiten mit den Moslems.

Aber es gibt doch auch ein säkulares Erbe. Warum macht es dieser Säkularismus nicht einfacher, Einwanderer zu integrieren?

Verglichen mit den Vereinigten Staaten ist Europa vielleicht säkularer geprägt, aber es ist ein christlicher Säkularismus. Vielleicht täusche ich mich, aber mein Eindruck ist, daß die muslimischen Einwanderer in den europäischen Ländern sehr selbstbewußt ihre eigenen Gemeinschaften pflegen und ihre Religion aufrechterhalten. Das schafft natürlich Probleme. Bezeichnend war etwa die alberne Affäre um Kopftücher in Frankreich. Die Moslems bestanden auf ihren Traditionen, und die Franzosen empfanden das als Bedrohung für ihre nationale Identität.

Sollten sie denn Kopftücher tragen dürfen?

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