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: Auch Treppen und Putten gehen auf Wanderschaft

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Überall in dem Inventarband stößt man auf solche zwischen den Epochen irrlichternde Bauten. Atemberaubend liest sich die Dokumentation des Kronprinzenpalais Unter den Linden. Mit seiner verwickelten Baugeschichte sagt es ebensoviel über den deutschen Spätklassizismus aus wie über das schwankende Verhältnis der DDR zu Geschichte, Denkmalpflege und Moderne: Das heutige Gebäude ist im Äußeren die Kopie eines Umbaus von 1856, mit dem der Architekt Johann Heinrich Strack ein zierliches Barockpalais von 1732, das seinerseits 1810 Heinrich Gentz klassizistisch verändert hatte, zum Repräsentationsbau umwandelte, der 1945 von Bomben beschädigt und in den fünfziger Jahren abgetragen worden war, obwohl seit 1950 für die Lindenallee die Doktrin vom "Neuaufbau der Heimat und Sorge der Regierung für die nationalen Kulturdenkmäler" gegolten hatte.

Richard Paulick, der den Auf- und Umbau der Staatsoper und des "Prinzessinnenpalais" durchgeführt hatte, leitete 1968 auch den Nachbau des Kronprinzenpalais als "Kultur- und Gästehaus des Magistrats von Groß-Berlin". Er erhöhte mit einem perfekten Stilimitat einen östlichen Anbau um ein Stockwerk und krönte die Attika des Mittelrisalits nicht mehr mit den ursprünglichen militärischen Trophaia, sonder stellte dort anmutige Skulpturen von Musen auf. (Ob sie von andernorts hierher versetzte Originale oder Nachschöpfungen sind, ist in dem Band - eine seiner wenigen Fehlstellen - leider nicht erwähnt).

Das Innere des Palais gestaltete Richard Paulick modern, seine Raumfolgen und Treppenfluchten, die Proportionen und Maße lassen die klassizistische Vergangenheit nachklingen. Ein Cappriccico aus Moderne und Klassizismus erlaubte sich der Architekt mit dem Gartenpavillon und der "Schinkelklause" an der Rückseite des Gebäudes - ein antikisierendes Oktogon liefert die klassizistisch anmutende Grundform, großzügige metallgerahmte Glasflächen und dünne Stützen vertreten die Moderne. In den Bau sind Terrakotten und ein Portal der 1964 gesprengten Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel integriert. Ein Verfahren, das beim Wiederaufbau der historischen Mitte üblich war: So erhielt die benachbarte "Alte Bibliothek" am Bebelplatz, deren Wiener Barock schon beim Bau 1780 wie ein Immigrant wirkte, beim Wiederaufbau 1969 die barocken Gitter eines zerstörten Bürgerhauses der Burgstraße zum stilechten Schmuck ihrer neuen Treppe. Und die Attika des "Prinz Heinrich Palais", der Humboldt-Universität zieren seit 1954 anstelle ihrer ursprünglichen Statuenreihen Figuren des später gesprengten Postdamer Stadtschlosses.

Was geschieht mit der "Schinkelklause", wenn einige hundert Meter weiter die Bauakademie am ursprünglichen Standort unter Verwendung der Originalteile rekonstruiert wird? Wird sie abgerissen? Modern oder mit anderen Spolien aus dem Magazin des Märkischen Museums ergänzt? Über die vorhersehbaren Wirren, die durch das Wandern und Wandeln der Berliner Denkmäler ausgelöst werden, schweigt der Inventarband selbstverständlich. Doch er übt sich nicht in der totalen Enthaltsamkeit einer reinen Bestandsaufnahme, sondern urteilt mitunter sogar. Die Dokumentation des 1952 von Richard Paulick erbauten Verwaltungs- und Magazingebäudes der Staatsoper beispielsweise endet mit einem Lob für den Architekten - und für eine Denkmalpflege, die, anders als lange Zeit in West-Deutschland, den Wiederaufbau auch schwer zerstörter Denkmäler sowenig scheute wie Stilimitate.

Es ist selten, daß ein Denkmalinventar seine Leser so fesselt, wie es dieser Band tut. In seiner Aufmachung, seinen ausgezeichneten Fotografien, seiner Vollständigkeit (zu der eine einleitende, gründliche und doch leicht lesbare Baugeschichte Berlins zählt), vor allem in seinem Mut zur Stellungnahme dürfte er vorbildlich für andere Topographien werden. Sein wichtigstes Ergebnis aber steht zwischen den Zeilen: daß Berlins Denkmäler, mehr als in jeder anderen Stadt, Konstrukte sind, Abbilder des Gewesenen, zusammengesetzt aus Original, Kopie und Nachschöpfung.

DIETER BARTETZKO

"Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte, Ortsteil Mitte". Herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2003. 704 S., geb., zahlreiche S/W-Abbildungen, 49, 80 [Euro].

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