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: Auch mein Großvater liebte euch doch alle

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Sollten die Christdemokraten noch einmal eine "Schnittmenge" mit den Grünen suchen, kann man sie daran erinnern, daß sie so etwas schon einmal hatten, nämlich die herzliche Abneigung gegen den Philosophen Peter Singer. Als Verteidiger der Tiere und Philosoph des Vegetarismus müßte er den Grünen lieb und ...

          Sollten die Christdemokraten noch einmal eine "Schnittmenge" mit den Grünen suchen, kann man sie daran erinnern, daß sie so etwas schon einmal hatten, nämlich die herzliche Abneigung gegen den Philosophen Peter Singer. Als Verteidiger der Tiere und Philosoph des Vegetarismus müßte er den Grünen lieb und wert sein, aber er hat die Euthanasie verteidigt, zumal gegen behinderte Neugeborene, und das hat im Europarat zu gemeinsamen Entschließungen von CDU und Grünen gegen Peter Singer geführt.

          Singer ist 1946 in Melbourne geboren, er lehrt in Princeton Philosophie. Aber er hat besonders in Deutschland ungeheure Gefühlsstürme erregt. Vorträge von ihm wurden boykottiert; er wurde als eine Art Neonazi-Philosoph beschimpft. Universitäten und Kongreßleitungen baten ihn um einen Vortrag und luden ihn wieder aus; die Debatten wurden zu heftig; es wurde mit Gewalt gedroht. Aber jetzt wird es allmählich ruhiger; der Skandal klingt ab.

          Singer lehrt philosophische Ethik. Wie die meisten älteren Ethiker geht er davon aus, ethische Regeln sollen für alle gleich gelten; das heißt, er ist Universalist, kein Relativist. Moralische Imperative sollen für alle gelten. Er fügt hinzu: Handlungen sind gut, wenn sie möglichst die Interessen aller fördern. Aber was heißt hier "alle"? Die gewohnte Antwort lautet: "alle" - das sind "alle Menschen", also alle, die zur menschlichen Species gehören. Diese Voraussetzung nennt Singer "Speciesismus". Er hält ihn für einen erweiterten Rassismus und will genauer wissen, worin der Grund von Verpflichtungen liege. Er sieht ihn nicht in der Species-Zugehörigkeit. Ethische Verpflichtungen entstünden vielmehr überall dort, wo wir es mit Wesen zu tun haben, die zu Selbstbewußtsein und Zukunftsinteressen, zu Schmerzgefühl und Glückszuständen fähig sind. Das verändert die Ethik, denn jetzt entstehen moralische Pflichten gegenüber Tieren, selbst gegenüber dem verlästerten Huhn. Andererseits fallen Menschen ohne Möglichkeit zu Zukunftsinteressen aus Singers ethischem Rahmen heraus. Das trifft besonders Föten und Schwerstbehinderte. Daher die Erregung.

          Gegen die Ethik Singers lassen sich viele Einwände erheben. Aber man kann verlangen, daß ihr argumentativer Zusammenhang beachtet wird. Peter Singer stammt aus einer uralten Rabbinerfamilie, die in Prag, aber auch in Paderborn und Friedberg zu Hause war. Sein Großvater David Ernst Oppenheim kam aus Brünn zum Studium nach Wien, heiratete die Rabbinertochter Amalie Pollack. Während Peters Eltern 1938 nach Australien auswanderten, blieben seine Großeltern in Wien und wurden im August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Der Großvater starb dort unter elenden Umständen im Februar 1943; die Großmutter überlebte und wanderte nach dem Krieg nach Australien aus.

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