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: Auch ich bin ein Buchmaler

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Wenn die Geschichtswissenschaft um die Ecke des "iconic turn" biegt, kommt sie an, wo ein weltläufiger Historiker aus dem Hamburger Bürgertum vor Jahrzehnten schon war: Percy Ernst Schramm, Schüler Aby Warburgs. Die Gedenkrede auf der Feierstunde des Landes Niedersachsen am Volkstrauertag des Jahres ...

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          Wenn die Geschichtswissenschaft um die Ecke des "iconic turn" biegt, kommt sie an, wo ein weltläufiger Historiker aus dem Hamburger Bürgertum vor Jahrzehnten schon war: Percy Ernst Schramm, Schüler Aby Warburgs. Die Gedenkrede auf der Feierstunde des Landes Niedersachsen am Volkstrauertag des Jahres 1959 hielt der Ordinarius für mittlere und neuere Geschichte der Universität Göttingen Percy Ernst Schramm (1894 bis 1970). Der Redner forderte die Politiker auf, einem Mangel des historischen Wissens abzuhelfen. Vierzehn Jahre nach Kriegsende konnte man noch nicht beziffern, "wie viele Deutsche im und infolge des Zweiten Weltkrieges zugrunde gingen". Die exakte Zahl sollte von Staats wegen ermittelt und dann "in jeder Stadt, in jedem Dorf als das dem letzten Kriege angemessene Denkmal an unübersehbarer Stätte angebracht werden; denn die unüberhörbare, gar nicht mißzuverstehende Lehre, die diese Zahl uns zu geben hat, darf nie, nie vergessen werden".

          Wer Schramms Worte heute liest, ist zunächst irritiert. Würde dieses flächendeckende Gedenkkonzept in die gegenwärtige Debatte eingeführt, wäre es eine andere Ziffer, aus der ohne jede Erläuterung die unmißverständliche Lehre des Krieges spräche: die Zahl nicht der deutschen Opfer, sondern der jüdischen Opfer der Deutschen. Das Konzept als solches beeindruckt freilich noch immer durch seine Modernität. Der Göttinger Historiker schlug einen Bruch mit der sentimental-bombastischen Konvention des Kriegerdenkmals vor. Es sollte nicht mehr in jedem Ort eine eigene Germania weinen, es sollte ein Ende haben mit der verlogenen Individualisierung der bürgerlichen Gebrauchskunst, die über die Realität des massenhaften Sterbens hinwegtröstete. Auf jedem Marktplatz hätte ein Exemplar desselben Monuments gestanden.

          Percy Ernst Schramm war ein Hamburger Bürger. Er schrieb ein Buch über neun Generationen seiner Vorfahren, in dem steht, wie er 1943 seine alte Mutter aus der zerstörten Vaterstadt rettete. Weltberühmt war er als Fachmann für Rituale und Bilder. Das Denkmal, das ihm vorschwebte, wäre kein Werk der Bildhauerkunst mehr. Die Epoche, die Schramms gelehrte Heimat war, das Mittelalter, sah er "durch das Bestreben beherrscht, das Unsichtbare sinnfällig zu machen". Mitte der fünfziger Jahre publizierte er drei gewaltige Bände über "Herrschaftszeichen und Staatssymbolik", denen er noch eine Monographie über eines dieser Zeichen, den Reichsapfel, hinterherschickte. Die Menge der Toten, die der Untergang des Deutschen Reiches produziert hatte, ließ sich nicht sichtbar machen und nicht sinnvoll darstellen. Kein anderes Zeichen konnte die Masse der Abwesenden vertreten als die nackte Zahl. Absehen mußte das Totengedenken von allen Pathosformeln.

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