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Atheismusdebatte : Gott ist ein Nichtsnutz

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Neuheidentum bei Stonehenge: Ist der „neue Atheismus” nur die Kehrseite eines anderen Wahns? Bild: AFP

Richard Dawkins und andere Autoren des „neuen Atheismus“ haben eine wichtige Debatte in Gang gebracht. Ist der aggressive Szientismus nur die Kehrseite des modernen Aberglaubens? Für den Philosophen Peter Strasser heißt den Glauben zu verteidigen vor allem eine Haltung zu bewahren.

          Woher kommt der stupende Erfolg von Richard Dawkins' Bestseller „Gotteswahn“? Angesichts der über weite Strecken zugleich platten und eifernden Argumentation dieses Buches könnte man einen elementaren Mangel an religiöser Bildung bei großen Teilen des Lesepublikums vermuten. Das würde der Qualität des zugleich immer wieder behaupteten neuen Interesses an Religion kein gutes Zeugnis ausstellen. Vielleicht ist aber der von Wittgenstein beobachtete „moderne Aberglaube“ - der naturalistische Szientismus, den Dawkins in einer besonders schlichten Version predigt - doch so tief in die Mentalitätsmuster der Moderne eingelagert, dass aufklärende Belehrung dagegen wenig ausrichtet?

          Der Gottesglaube, den Dawkins widerlegen will, ist jener fundamentalistische Kreationismus, der selbst wieder nur ein seitenverkehrter Naturalismus ist. Wie kann man gegen jemanden argumentieren, der gegen Windmühlen kämpft? Der Grazer Philosoph Peter Strasser ist in seinem Anti-Dawkins, einem Büchlein, mit dem er wohl auch an Dawkins' Erfolg teilzuhaben versucht, merkwürdig unentschieden. Großer argumentativer Aufwand scheint ihm gegen die neuen „Brachialatheisten“ und deren „dumm machende Arroganz“ und „lachhaft siegessichere Ignoranz“ nicht geboten zu sein. Man hat ähnliche wie die von Strasser vorgetragenen Gründe schon im gleichen populärwissenschaftlichen Duktus, aber präziser und systematischer gelesen, etwa in Robert Spaemanns fulminanter Abhandlung über die „Frage nach Gott“ als dem „unsterblichen Gerücht“. Auch zeitdiagnostisch bescheidet sich Strasser mit der unbefriedigenden Auskunft, Dawkins' Buch sei „Teil einer weltweiten Atmosphäre: Es herrschen Immanenzverblendung und Transzendenzwahnsinn.“

          Arbeit an der mystischen Front

          Damit klingt aber immerhin schon an, dass sich Strasser zu einer Auseinandersetzung an zwei Fronten genötigt sieht: „Neotheismus“, „Neoeschatologie“, „Neopaganimus“ und „Neomystizismus“ werden als die Gegner auf der anderen Seite ausgemacht, die Dawkins gleichsam den Stoffnachschub sichern. Die Sache ist vertrackt, weil es die Selbstkultivierung der „Großkirchen“ sei, die dem Obskurantismus die Schleusen öffnen.

          Ganz richtig erkennt Strasser bei Dawkins das grundlegende (sozusagen evolutionsbiologisch nahegelegte) Missverständnis, religiöser Glaube rechtfertige sich aus seinem Nutzen. Von der Glaubensillusion, ist sie erst einmal als Illusion durchschaut, falle ihr Nutzen ab, so dass sie schließlich erlischt. Diese Denkfigur ist nicht neu und auch empirisch strittig. Sie gilt und verfängt aber immer noch, wo der religiöse Glaube sich als Sachverhaltsspekulation missversteht und aus seinen moralischen Folgen rechtfertigt. Gründe indes, die für sich erkenntnistheoretisch den Rang von Sachverhalten beanspruchen, streichen sich als religiöse Motive selbst durch. Zu Recht hat Gott in naturwissenschaftlichen Befunden nichts zu suchen. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, lautete der lapidare Befund bei Dietrich Bonhoeffer.

          Zigeuner am Rande des Universums

          Wenn sich jemand, wie es einst Jacques Monod in seinem im Vergleich zum Dawkinschen „Gotteswahn“ ungleich reflektierteren Buch über „Zufall und Notwendigkeit“ vorschlug, als „Zigeuner am Rande des Universums“ verstehen will, wird er sich auch durch philosophische oder theologische Belehrung nicht überzeugen lassen. Wer sich in heroisch-existentialistischer Haltung nicht genötigt, sondern befreit sieht, als Produkt eines blinden Zufalls zu leben, wird sich keinem Schöpfer zu Dank verpflichtet sehen. Auch moralische Alarmrufe, etwa dass ein naturalistisches Menschenbild fatale ethische Konsequenzen habe, werden wenig ausrichten. Der Hinweis auf den moralischen Nutzen der Religion hat noch nie ihren Wahrheitsanspruch stützen oder gar ersetzen können. Kosmologische Spekulationen werden niemanden, der sich nicht in der ersten Person Singular als Geschöpf empfinden kann, vom Gottesglauben, ganz zu schweigen vom christlichen Glauben, überzeugen.

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