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Astronominnen : Für einen Sternenkatalog braucht man ein gutes Auge

  • -Aktualisiert am

Man brauchte Menschen mit einem guten Auge und viel Geduld für die Auswertung der Sternenkataloge. Bild: Picture-Alliance

Als Computer noch Rechnerinnen waren: Dava Sobel erzählt von den Frauen, die zum ersten Mal den Himmel inventarisierten.

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          Als Henry Draper im Alter von zwanzig Jahren durch England reiste, stattete er dem Earl of Rosse einen Besuch ab, dem ehemaligen Präsidenten der Royal Society, der das weltweit größte Teleskop besaß: der Spiegel 1,83 Meter im Durchmesser und fast vier Tonnen schwer, das Rohr sechzehn Meter lang. Lord Rosse konnte damit die Spiralstruktur ferner Nebel erkennen. Für Fotografien jedoch war das Teleskop ungeeignet. Der unbewegliche Koloss konnte nicht nachgeführt werden.

          Henry Draper war mit der Fotografie groß geworden. Sein Vater hatte bereits 1839 die ersten Bilder vom Mond gemacht und später das Lichtspektrum der Sonne aufgenommen. Zurück in Amerika baute Draper ein eigenes Spiegelteleskop für die Himmelsfotografie. Er wollte die Arbeit des Vaters auf die Sternenwelt ausweiten, um Aufschluss über die chemische Zusammensetzung der Himmelskörper zu erlangen. Mit Hilfe eines Prismas im Innern des Teleskops, welches das ankommende Sternenlicht in seine Farbkomponenten und charakteristischen Linien zerlegte, gelang es ihm 1872 erstmals, das Lichtspektrum eines Sterns, der Wega, zu fotografieren und so „den Arm der Chemiker um Millionen Meilen zu verlängern“.

          Unterstützung durch Hobby-Astronomen und Frauen

          Die amerikanische Autorin Dava Sobel hat der ersten Sterninventur mit fotografischen Mitteln ein faszinierendes Buch gewidmet: Es erzählt die Geschichte des „Henry-Draper-Sternenkatalogs“. Protagonist ist nicht der Namenspatron, der die Himmelsdurchmusterung in Angriff nehmen wollte. Draper starb bereits im Alter von fünfundvierzig Jahren. Der besondere Reiz des Buches liegt im Auftritt all jener Frauen, die das Archiv über Jahrzehnte hinweg aufbauten, die Positionen von mehreren hunderttausend Sternen bestimmten und auflisteten, die Sterne nach Art ihres Lichtspektrums klassifizierten und Entdeckungen machten.

          Dava Sobel, durch erfolgreiche populärwissenschaftliche Bücher wie „Längengrad“ oder „Galileos Tochter“ bekannt geworden, beginnt ihr aufwendig recherchiertes Buch mit Henry Drapers Tod im November 1882. Kurz nach dem Begräbnis wendet sich Anna Palmer Draper an den Direktor des Harvard-College-Observatoriums, Edward Charles Pickering. Sie möchte ihr Erbe dafür einsetzen, dass die Forschungen ihres verstorbenen Gatten fortgeführt werden können.

          Fotograf und Astronom Henry Draper.
          Fotograf und Astronom Henry Draper. : Bild: Picture-Alliance

          Pickering ergreift die Gunst der Stunde. Ihn interessiert nicht nur die bereits vorliegende Sammlung fotografischer Platten. Nachdem er sich der Vorzüge der neuen Aufnahmetechnik versichert hat, ist er dazu bereit, den Großteil der Forschung am Observatorium auf Fotografie umzustellen. Angesichts der Fülle des zu erwartenden Datenmaterials braucht er jedoch Personal, appelliert an Hobby-Astronomen, bei der Sache mitzuwirken, und ruft in Zeitungsartikeln insbesondere Frauen dazu auf, ihn zu unterstützen.

          In chronologisch geordneten Kapiteln beschreibt Dava Sobel, wer sich von 1882 an als „Computer“, als „Rechnerin“, am Observatorium einfindet. Absolventinnen von Frauen-Colleges, Gattinnen von Astronomen und ehemalige Hausangestellte beteiligen sich an der Erschaffung eines Sternenkatalogs, der den gesamten Nord- und Südhimmel abdecken soll. Sobel steigt in ihre Biographien ein, vermittelt Einblicke in gesellschaftliche wie kosmische Zusammenhänge. Über weite Strecken des Buches erlebt man die Frauen jedoch bei der Routinearbeit: der Auswertung der Aufnahmen, die ein gutes Auge, Präzision und vor allem Ausdauer verlangen.

          Es ist eine Stärke dieses wunderbaren Buches, dass es diese ermüdende buchhalterische Tätigkeit immer im Auge behält. Der inhaltliche Fokus liegt nicht auf windigen Theorien über Riesensterne oder die Größe der Milchstraße, sondern auf dem Himmelskatalog, einer Faktensammlung als Garant für dauerhafte Erkenntnis. Sobel zitiert aus spröden Institutsnachrichten und Bulletins, Veröffentlichungen und Briefen, ohne an Anschaulichkeit einzubüßen. Die Darstellung gibt einen exzellenten Eindruck davon, was solche Forschung an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert bedeutete und dass jene Momente ausgesprochen rar waren, in denen aus dem Licht einer Handvoll Sterne plötzlich ein wissenschaftshistorisches Ereignis wurde.

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