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Astrid Geisler und Christoph Schultheis: Heile Welten : Vom ganz normalen Leben des Rechtsextremismus in der deutschen Provinz

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Die Journalisten Astrid Geisler und Christoph Schultheis ziehen bei ihren Erkundungen des rechten Alltags in Deutschland den genauen Blick der schnellen Skandalisierung vor.

          Nicht alle Menschen in Deutschland sind Demokraten. Einige möchten die Demokratie gar abschaffen, haben sich in einem Leben rechts der Mehrheitsgesellschaft eingerichtet, wo ihnen die Autoren des Bandes „Heile Welten“ einen Besuch abgestattet haben. Die Journalisten Astrid Geisler und Christoph Schultheis sind dafür quer durch das Land gereist, das für die meisten ihrer Protagonisten etwas Vorübergehendes darstellt.

          Für Ines Schreiber etwa ist die Bundesrepublik ein Zustand, den es zu überwinden gilt. Nur deshalb hat sich die zweifache Mutter im Elternbeirat der Grundschule engagiert, hat für den Rat der Kleinstadt Strehla kandidiert und wurde von dort zur Schöffin vorgeschlagen. Denn die Aktivistin der rechtsextremen NPD ist auf dem sogenannten sächsischen Weg ihrer Partei, der über soziale Anerkennung in die Parlamente führt. Sachsen ist das erste Bundesland, in dem der NPD der Wiedereinzug in den Landtag gelang. Weil sie dort als normale Partei gilt. „Wenn man Menschen in Strehla nach Ines Schreiber fragt, erzählen sie nicht von Hakenkreuzen (die ihre Söhne malen dürfen) oder Rassismus (über den sie offenherzig spricht), sondern von einer jungen Mutter, die immer nett und freundlich sei“, heißt es im Buch gleich zu Beginn. Und so lernt der Leser die Orte schnell kennen, wo sich die Verächter der Demokratie einrichten.

          Wo Demokraten zu Störenfrieden werden

          So wie in der spärlich bevölkerten Gegend am Stettiner Haff. Dem Pionierland für die jungen Männer der Neonaziorganisation „Heimatbund Pommern“, die in den Dörfern eine völkische Gesellschaft errichten will. Die Dorfgemeinschaft - etwa die von Bargischow - sieht dabei willenlos zu. „Es gibt keinen Bäcker, keine Schule, keinen Verein mehr. Auch das Gasthaus hat dichtgemacht.“ Nur ein Vakuum, das sich mit jener menschenfeindlichen Atmosphäre füllt, wie sie schon Judith Zander in ihrem lesenswerten Heimatroman „Dinge, die wir heute sagten“ geschildert hat.

          An so einem Ort erreichte die NPD bei den vergangenen Landtagswahlen 31,6 Prozent der Stimmen - „mehr als jede andere Partei“. Dieses abgekoppelte Milieu könnte ihr den Wiedereinzug ins Schweriner Schloss ermöglichen: In Mecklenburg-Vorpommern wird im September ein neuer Landtag gewählt. Schon deshalb lohnt der Blick ins beispielhafte Bargischow, wo Neonazis das Sagen haben und denjenigen mit einer Hetzkampagne übertönen, der es wagt, ihrem „Heimatbund“ die Stirn zu bieten. Für einen zugereisten Berliner CDU-Gemeinderatskandidaten ein aussichtsloses Unterfangen. Wo ein Demokrat „der Störenfried im Dorf“ ist, sind die Verhältnisse der Mehrheitsgesellschaft umgedreht. „Nach jahrelanger Abwanderung in den Westen ist in vielen Provinzgemeinden kaum noch jemand übrig, der sich der Demokratie dort annehmen könnte“, heißt es treffend.

          Islamfeindliche Stichwortgeber

          Ostdeutschland hat nicht zuerst ein Problem mit Neonazis; sie sind das Symptom, das von einem stellenweisen Demokratiedefizit zeugt. Zwar weisen die Autoren einschränkend darauf hin, dass „Rechtsextremismus in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin nur noch ein Ossi-Phänomen ist. Es gilt zwanzig Jahre nach der Wende als triste Normalität.“ Aber sie erklären auch, dass die unterschiedlichen Realitäten eine andere Färbung der Menschenfeindlichkeit zeigen: „Auch im Westen der Republik waren die Zeiten mal politisch korrekter. Islam und Ausländerintegration - für viele Menschen sind das längst Reizworte.“

          So machen sie sich ins Rheinland auf, dem geistigen Zentrum des modernen Rechtspopulismus. Von dort aus durchleuchten sie die heterogene Gruppe von Agitatoren, die das islamfeindliche Klima hierzulande anheizt. Sie entfalten eine ausgezeichnete Recherche, die bei dem passionierten Leserbriefschreiber Stefan Herre beginnt, Gründer des erfolgreichen islamfeindlichen Weblogs „Politically Incorrect“. Anhand der „PI“-Community werden die fremdenfeindlichen Übergänge deutlich - von einer christlich geprägten Wertegemeinschaft zu den Sektierern, Verschwörungstheoretikern und überzeugten Staatsfeinden. Hier wird das weite politische Feld „rechts der CDU“ ausgerollt, das von islamfeindlichen Stichwortgebern wie dem Bestsellerautor Udo Ulfkotte (“Vorsicht Bürgerkrieg!“) beliefert und von Wählerinitiativen wie der rechtspopulistischen „Pro NRW“ bestellt wird.

          Fundierte Medienkritik

          Eine zusätzliche Analyse der Zustände wäre hilfreich gewesen: Eine Erklärung, warum sich die politischen Erfolge anderer europäischer Rechtspopulisten - etwa in Belgien, der Schweiz, den Niederlanden - nicht auf Deutschland übertragen, bleibt das Buch schuldig. Denn die Frage, ob da rechts der CDU in Deutschland noch etwas kommt, treibt wohl manche um, an die dieses Buch sich richtet: eine Leserschaft, die einen Blick auf den rechten Rand der Gesellschaft werfen möchte, um dieses Terrain kennenzulernen. Und diesen Zweck erfüllt das gut lesbare Buch.

          Astrid Geisler und Christoph Schultheis erweisen sich in ihm als ideales Autorenduo: Denn sie reihen keine vermeintlichen Aufreger aneinander, wie sie üblicherweise die Reflexe der Berichterstattung auslösen. Im Gegenteil, in ihrem Buch steckt eine fundierte Medienkritik, die das Prinzip des „kalkulierten Skandals“ entlarvt, mit dem Rechtsextremisten in die Schlagzeilen drängen. Sie liefern dafür, was ihrer Meinung nach in der öffentlichen Debatte über die extreme Rechte fehlt: Einsichten.

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