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Aus Norwegen in den Dschihad : Backen für den Heiligen Krieg

Raqqa nach der Eroberung durch die kurdischen Truppen am 20. Oktober Bild: AFP

Die eine wollte Diplomatin werden, die andere Anwältin. Dann wurden sie beide Islamistinnen. Åsne Seierstads Buch rekonstruiert den Weg zweier junger Mädchen aus Norwegen nach Raqqa.

          Als der sogenannte Islamische Staat vor gut einer Woche seine inoffizielle Hauptstadt Raqqa verloren hatte, ging ein Foto um die Welt, das die syrische Kurdin Rojda Felat in Uniform und glücklich lachend inmitten zerbombter Häuser zeigte. Die Kommandantin hatte die Militäroffensive auf Raqqa angeführt. Dass der IS ausgerechnet von einer Frau aus der Stadt vertrieben worden ist, dürften die Dschihadisten als besondere Demütigung empfunden haben. In ihrer Weltsicht haben Frauen einzig dem Ehemann zu dienen und neue Glaubenskrieger zu gebären.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für Leila und Ayan, zwei Norwegerinnen somalischer Herkunft, war die Rollenverteilung beim IS kein Grund, ihre Entscheidung in Frage zu stellen. Im Jahr 2013, sie waren da 16 und 18 Jahre alt, reisten die Schwestern nach Syrien. Zuletzt meldeten sie sich aus Raqqa, gut sechs Monate ist das jetzt her. Ihr Vater, Sadiq Juma, hat mehrfach die Reise in den Krieg gewagt, um sie zurückzuholen. Nur einmal gelingt ihm ein Treffen mit Ayan, fünf Minuten gibt man ihm Zeit. Schwarz verschleiert tritt sie zu ihm, der Niqab lässt nur ihre Augen frei: „Papa, fahr nach Hause. Wir kommen nicht mit, wir sind jetzt hier zu Hause. Wir haben hier geheiratet“, sagt sie kalt.

          Sadiq Juma, der Vater der Mädchen

          Was bewegt zwei begabte junge Frauen, von denen die eine Diplomatin werden wollte und die andere Anwältin, sich gegen die westliche Kultur zu entscheiden und fanatische Islamistinnen zu werden? Und welche Folgen hat das für ihre Familie? Die Norwegerin Åsne Seierstad, die zuletzt in „Einer von uns“ die Biographien des Massenmörders Anders Breivik und seiner Opfer vorlegte, hat den Weg der Schwestern bis ins Detail rekonstruiert. Das Ergebnis ist ein großartiges Buch, das weit über das hinausreicht, was bisher über junge IS-Anhänger aus Europa zu lesen war. Um anderen ihr Schicksal zu ersparen, bat die Familie Seierstad, ihre Geschichte aufzuschreiben, ließ sich stundenlang interviewen und stellte ihr alles zur Verfügung, was von den Mädchen erzählt. Die Journalistin sprach mit Imamen und mit islamistischen Predigern, mit Freunden, Weggefährten, Lehrern. Sie protokollierte, was die Schwestern schreiben, wenn sie in Syrien online gehen, und zeichnete den Weg der Clique nach, in der beide sich zuletzt in Oslo bewegten. Seierstad belässt es jedoch nicht bei der Schilderung persönlicher Schicksale, sie gibt auch den politischen Zusammenhängen, dem Krieg im Nahen Osten und der Entstehung des IS, dessen Struktur und Funktionsweise breiten Raum. Als Sadiq Juma realisiert, dass er bis in ihr Wohnzimmer reicht, haben Leila und Ayan Norwegen schon seit Stunden verlassen.

          Ein Regelwerk, das sie umschließt wie ein sicheres Korsett

          Alles scheint wie immer an diesem Oktobermorgen zu sein, an dem die Mädchen, bepackt mit ihren Schultaschen, die Wohnung verlassen. „Sie haben uns mit Umarmungen betäubt“, wird Sadiq Juma später sagen. Warum die Töchter an diesem Tag nicht nach Hause kommen, teilen sie den Eltern per E-Mail mit: „Wir haben Euch sooo lieb, und Ihr habt uns alles im Leben gegeben. Dafür sind wir Euch ewig dankbar“, schreiben sie. „Die Muslime werden heutzutage aus allen Richtungen angegriffen, und da müssen wir etwas tun. Wir wollen ihnen so gerne helfen, aber wirklich helfen können wir ihnen nur, wenn wir ihnen in Freud und Leid zur Seite stehen.“ Nur zu Hause zu sitzen und Geld zu spenden habe keinen Sinn. Deshalb seien sie auf dem Weg nach Syrien. Ein Jahr lang haben sie heimlich auf diesen Tag hingearbeitet.

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