https://www.faz.net/-gr3-78u9j

Asfa-Wossen Asserate: Deutsche Tugenden : Herren nicht mit Scheren zu Leibe rücken!

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H.Beck

Tugendfahrten durchs Musterland: Asfa-Wossen Asserate spaziert durch die Kulturgeschichte und hält sich an gut eingeführte deutsche Tugenden und Schwächen.

          2 Min.

          Ein wenig bedauerte ich sogar, dass es bei uns im Verbindungshaus keine Kehrwoche gab“, gesteht Prinz Asfa-Wossen Asserate in seinem neuen Buch. Der Großneffe des Kaisers Haile Selassie ist in Äthiopien mit Kuckucksuhr und Schillergedichten ausgesprochen germanophil erzogen worden. Seine Ankunft als Student in Tübingen 1968 muss er als Kulturschock erlebt haben. Deutsche Gebräuche, wie der Neuankömmling sie sich verklärend ausgemalt hatte, wurden von aufrührerischen Kommilitonen verhöhnt. Sie galten als durch die Verbrechen des Nationalsozialismus desavouiert.

          Wenige Jahre später machte ein blutiger Aufstand in Äthiopien Asfa-Wossen Asserate zum Exilanten und Deutschland zu seiner neuen Heimat. Auf dieser schmerzlichen doppelten Revolutionserfahrung scheint sein empathisches Eintreten für Traditionen zu beruhen. Wie sein Erfolgsbuch „Manieren“ und dessen Fortsetzung „Draußen nur Kännchen“ lässt sich „Deutsche Tugenden“ als weiteres Angebot lesen, die Deutschen mit ihrer Geistes- und Sittengeschichte zu versöhnen sowie ein zeitgemäßes Update konservativer Werte vorzulegen.

          Bedenklichkeit der deutschen Waldromantik

          An einer radikalen Neubewertung einstmals idealtypisch deutscher Tugenden kommt Asfa-Wossen Asserate nicht vorbei. „,Ruhe und Ordnung‘, das klingt heute wie eine Drohung“, resümiert er, nachdem er aus Victor Klemperers Tagebüchern die bürokratischen Diskriminierungen der Juden unter Hitler in all ihrer pedantisch-perfiden Detailfreude aufgezählt hat. Beim Stichwort Reinlichkeit muss der Autor an die rassistische Wahnidee von der „Reinheit des Blutes“ denken. „Die säkularen Pfade der Reinlichkeitstugend“ hätten „zumeist auf den Holzweg“ geführt. Als deren rundweg positive Errungenschaft bleibe nur das Reinheitsgebot für Bier.

          Selbst deutsche Naturverbundenheit und Waldromantik habe eine bedenkliche Seite, wie Asfa-Wossen Asserate mit einem Zitat von Elias Canetti aus „Masse und Macht“ es auf den Punkt bringt: „Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

          Exkurse zur nationalliberalen Bewegung

          Der Autor betont, dass er das heutige Deutschland hinsichtlich Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Weltoffenheit geradezu als ein Musterland ansieht. Als reaktionär verschrieene Institutionen wie den Stammtisch oder das Vereinswesen nimmt er auf Exkursen zur nationalliberalen Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts als Keimstätten deutscher Freiheitsliebe in Schutz.

          Zweiundzwanzig Kapitel sind nicht nur erwartbaren Tugenden wie Gemütlichkeit oder Pünktlichkeit gewidmet, sondern fördern auch überraschende Eigenschaften zutage, etwa Anmut, als deren Inkarnationen die Schwarzbrot schneidende Lotte in der Küchenszene aus Goethes „Werther“, die preußische Herzensprinzessin Luise, Konrad Adenauer in seinen späten Jahren und die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher angeführt werden.

          Wie der Autor Humor als deutsche Tugend herausstellt, überzeugt weniger. Da muss er neben Heine, Kästner und Ringelnatz die flapsigen Witzchen von Berliner Busfahrern bemühen. Dabei entschlüpft dem sonst schwärmerischen Liebhaber gutbürgerlicher Sitten ein ketzerisches Geständnis: „Ich kann mir nicht helfen, aber ein Brauch, der es gutheißt, zivilisiert gekleideten Herren mit Scheren zu Leibe zu rücken und sie ihrer Krawatten zu berauben, erscheint mir doch barbarisch.“

          Sein Missfallen äußert er auch an Sparsamkeit in Form von „Geiz ist geil“, an einem Hang zum Weltschmerz, der sich zur „German Angst“ auswachse, sowie an verbiestert geforderter Mülltrennung. Auf einen allzu moralisierenden Tonfall verzichtet der Autor. Sein Buch ist ein gebildeter und unterhaltsamer Spaziergang durch die deutsche Kulturgeschichte. Er führt, weil die nationalen Stereotypen es so wollen, häufig in bayerische Bierzelte, auf preußische Kasernenhöfe und in schwäbische Treppenhäuser, schlenkert aber auch gern zu Kuriositäten wie dem Euskirchener Sparschweindenkmal und vermittelt die Einsicht, dass jede Tugend durch Übertreibung zum Laster wird.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          In seiner Welt steht die Zeit still

          Delfter Maler Pieter de Hooch : In seiner Welt steht die Zeit still

          Lange Zeit stand er im Schatten Vermeers, jetzt können wir seine meisterhaften Stadtbilder und Innenräume neu entdecken: Das Museum Prinsenhof in Delft zeigt das Lebenswerk des niederländischen Barockmalers Pieter de Hooch.

          Topmeldungen

          Bram Schot

          F.A.Z. Exklusiv : So spart Audi gegen die Krise

          Rund 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden. Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm wird es wohl besonders hart treffen. Audi-Chef Schot sagt, er habe aber klare Vorstellungen, wie die Beschäftigung gesichert werden kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.