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Arnd Bauerkämper: Das umstrittene Gedächtnis : Der Tag der Befreiung kann auch der Tag der Unterdrückung sein

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Bild: Verlag

Erinnerung als Prozess und soziale Praxis: Der Berliner Historiker Arnd Bauerkämper vermisst den Gedächtnisraum Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

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          Seit der Stockholmer „Holocaust“-Konferenz von 2000 gehört der Judenmord zur europäischen Identität. Die Erinnerung daran ist zentraler Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses einer vorgestellten europäischen Gemeinschaft geworden und hat sich in Gedenktagen, offiziellen Feiern und in der weihevollen Pathosformel „remember!“ niedergeschlagen. Erinnerung boomt seit Stockholm.

          Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da musste die Legitimität der subjektiven Erinnerungen der Opfer gegen die Zeitgeschichte erst erkämpft werden. Diese pflegte das „Pathos der Nüchternheit“, das allerdings wie im Falle Martin Broszat nur die eigene Verstricktheit mit der Tätergeschichte übertünchen und vielleicht auch kompensieren sollte. Nun, nachdem der Holocaust zu einer Negativ-Ikone von undemokratischen Menschenrechtsverletzungen erhoben worden und sakralisiert worden ist, muss man sich eher wieder seine nüchterne Historisierung wünschen, also seine Wiedereinfügung in räumliche und zeitliche Kontexte.

          Analyse von Gedächtsnisregimen

          Erinnerung hat selbst eine Geschichte. Das merkt man immer dann, wenn Anerkennungskämpfe toben und Affekte sich äußern. Ein kollektives Gedächtnis gibt es selten, ein europäisches Gedächtnis sicherlich nicht. Erinnerungen sind konfliktreich, umkämpft und umstritten. So sieht es auch der Berliner Historiker Arnd Bauerkämper: Erinnern sei ein Prozess und eine soziale Praxis, ein Gedächtnis habe verdeckte und gegensätzliche Erinnerungsschichten.

          Er spricht von „Historizitätsregimen“, die als Kampf partikularer Erinnerungsgemeinschaften gefasst werden können. Wer also über Erinnerung sprechen will, darf über Macht nicht schweigen. Und wer beim Gedenken dem Trend zur Gedächtnisreligion mit dem Kult des Leidens und der Opferschaft widerstehen will, sollte sich der Tendenz zur Entkonkretisierung, Entkontextualisierung und Entterritorialisierung widersetzen. Das ist für Bauerkämper die Aufgabe des Historikers.

          Er selbst vermisst in seiner Analyse von Gedächtsnisregimen und Gedächtnisformationen den europäischen Gedächtnisraum und verspricht, Erinnerungskonflikte in verschiedenen Staaten und Regionen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen, aber auch grenzüberschreitende Beziehungen und Verflechtungen herauszuarbeiten. Konkret geht es ihm um „die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg“.

          Ideales Nachschlagewerk

          Das ist bereits eine Entscheidung mit Folgen: Im Fokus steht nämlich „die Erinnerung“ - präziser wäre: die Erinnerungen - an die Verlierer des Weltkrieges und ihre Verbrechen. Das spiegelt natürlich die realen Erinnerungsgeschichten in Nordwesteuropa durchaus wider. Doch diese Beschränkung blendet konträre Erinnerungen aus oder bekommt sie nicht scharf ins Bild - wie an den Stalinismus in Osteuropa oder den Kolonialismus im Mittelmeerraum. Gerade wenn man von einem umstrittenen Gedächtnis ausgeht, ist diese Selbstbeschränkung nicht einsichtig.

          Für nicht weniger als vierzehn Länder hat Bauerkämper zunächst Voraussetzungen, Kontexte und Konstellationen von Historizitätsregimen und Erinnerungsdiskursen aufbereitet und dann den Umgang mit der Vergangenheit in Justiz, Politik und Gesellschaft/Kultur nachgezeichnet: Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Sowjetunion/Russland, Polen, Tschechoslowakei/Tschechien und Slowakei, Ungarn, Rumänien, Spanien, Schweden und die Schweiz. Diese Länderstudien geben dem Werk einen Handbuchcharakter.

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