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: Armes Deutschland!

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Die letzten Hemmschwellen bei der Selbstdarstellung der Deutschen sind wenige Tage vor der Fußball-Weltmeisterschaft gefallen: In einem bunten Mammutband über die besten Seiten Deutschlands zeigt sich das Land vor allem als Heimat von Marken und lauten Produktmanagern. Vor rund zwölf Jahren kam ich nach Zwenkau und wurde in die Irre geschickt.

          Die letzten Hemmschwellen bei der Selbstdarstellung der Deutschen sind wenige Tage vor der Fußball-Weltmeisterschaft gefallen: In einem bunten Mammutband über die besten Seiten Deutschlands zeigt sich das Land vor allem als Heimat von Marken und lauten Produktmanagern. Vor rund zwölf Jahren kam ich nach Zwenkau und wurde in die Irre geschickt. Die kleine sächsische Stadt südlich von Leipzig liegt seit DDR-Braunkohlezeiten auf einer Landzunge, die in eine gewaltige Grube ragt, und hat bessere Tage gesehen. Tage, in denen in Zwenkau gutes Geld verdient und dieses Geld in gute Bauten investiert wurde. Bauten wie das Haus Rabe, eine Bauhaus-Villa wie aus dem Lehrbuch, in deren Treppenhaus sich das einzige in situ erhaltene Wandrelief von Oskar Schlemmer befindet. Haus Rabe war vor rund zwölf Jahren gerade restauriert worden. Am Stadtrand hielt ich an einer Tankstelle, um mich nach dem Weg zur Bauhaus-Villa zu erkundigen. Freudestrahlend schickte mich die Kassiererin zur nächsten Kreuzung, und ich fand mich auf dem Parkplatz eines Baumarktes namens "Bauhaus" wieder, vor mir eine Reihe von Gartenfertighäuschen.

          Nie habe ich die Freude auf dem Gesicht der Kassiererin vergessen. Für die Menschen von Zwenkau dürfte die Ansiedlung von "Bauhaus" wichtiger gewesen sein als die Existenz einer Bauhaus-Villa. Deshalb wird die junge Dame noch einmal besonders glücklich sein, wenn sie einen monströs schweren Band aufschlägt, der den Titel "Das Beste an Deutschland" trägt. Auf den Seiten 90/91 wird dort die Fachhandelskette "Bauhaus" gewürdigt. Vom Bauhaus als Stilvorbild ist auf insgesamt 528 Seiten keine Spur.

          Wozu auch? Herausgeber Florian Langenscheidt erhebt im Vorwort die Stimme: "Dieses Buch will das Beste an Deutschland heute vorstellen. ,Heute' bedeutet in etwa die Zeit seit dem Mauerfall 1989." Also nur ein Versehen, daß auf dem Vorsatzpapier unter den aufgelisteten "Glücksmomenten der Deutschen" auch der erste Wimbledon-Sieg von Boris Becker steht. Sicher auch ein Versehen, daß der Bau des verrückten Transrapids sich dort findet.

          Oder doch nicht? Denn selbst ein Tausendsassa wie Langenscheidt tut sich schwer damit, allein zweihundertfünfzig "Gründe, unser Land zu lieben" zusammenzutragen. Deshalb hat er sich kompetenter Hilfe versichert: der achthundertköpfigen Redaktion der "Bild"-Zeitung für die Vor- und einer fünfzehnköpfigen Prominentenjury für die Endauswahl. Unter diesen fünfzehn Damen und Herren findet sich mit Heinrich von Pierer ein Vorstandsvorsitzender, dessen Unternehmen kein geringes ökonomisches Interesse am Transrapid hat. Oder am "Siemens Somatom Definition", der unter dem Stichwort "Der Computertomograph" rechtzeitig zur Handelseinführung Eingang in das Besten-Buch gefunden hat.

          Muß Herr von Pierer sich seiner Parteilichkeit schämen? Keineswegs. Er ist eher bescheiden. Denn immerhin vier seiner Jurorenkollegen haben sich gleich selbst untergebracht, und Franz Beckenbauer hat noch den FC Bayern München, Oliver Kahn und die Allianz-Arena als Stichworte durchgewinkt und damit den Vogel abgeschossen. Cosma Shiva Hagen brachte ihre Mutter Nina ein, Graf von Faber-Castell seine Bleistifte, Giovanni di Lorenzo seinen Arbeitgeber "Die Zeit", Helmut Markwort seinen "Focus", Jean-Rémy von Matt seine Werbeagentur, Friede Springer das wichtigste Verlagsprodukt ihres Konzerns und Puma-Chef Jochen Zeitz sein Haus als "Sportlifestyle-Unternehmen" (das Schlechteste am "Besten an Deutschland" ist die Sprache), weil man der Konkurrenz von Adidas nicht die Rubrik "Der Sportschuh" streitig machen konnte. Herausgeber Langenscheidts Familienunternehmen fehlt natürlich auch nicht.

          Hätte die schwach besetzte Gruppe von Einträgen mit dem Buchstaben "V" (Verfassung, Volksfest, Volkssport, Volkswagen, Vorlesetext - das sind auch nach dem Mauerfall noch die Grimmschen Märchen) nicht um das Lemma "Vetternwirtschaft" bereichert werden sollen? Nein, denn alles, was hier anrüchig scheint, könnte normal sein! Es sei deshalb nicht verschwiegen, daß sich unter "Die Tageszeitung" die F.A.Z. findet. Erkundigungen im eigenen Hause haben ergeben, daß dafür keine Mittel flossen, sondern nur Informationen und Bildvorlagen zur Verfügung gestellt wurden.

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