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: Architektonische Wasserspiele

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Die Stadtgestalt von Venedig birgt wie in einer Nußschale Wesentliches zur Baugeschichte des Abendlandes. Wie nur in wenigen Metropolen - Rom, Paris, Wien - haben die Epochen hier ihre oft stilbildenden Spuren hinterlassen, und wer sie zu lesen weiß, findet in der ohnehin durch das Wasser einzigartigen Textur dieser "Biberrepublik" Elemente einer Idealstadt.

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          Die Stadtgestalt von Venedig birgt wie in einer Nußschale Wesentliches zur Baugeschichte des Abendlandes. Wie nur in wenigen Metropolen - Rom, Paris, Wien - haben die Epochen hier ihre oft stilbildenden Spuren hinterlassen, und wer sie zu lesen weiß, findet in der ohnehin durch das Wasser einzigartigen Textur dieser "Biberrepublik" Elemente einer Idealstadt. Ob bewußt oder unbewußt pilgern jährlich über zwölf Millionen Touristen - nur nach Las Vegas und Mekka kommen mehr Besucher - wohl gerade wegen ihrer Suche nach einer Märchensiedlung in die Lagune. "Von der Kunst, eine Stadt im Wasser zu bauen" hat der Münchner Architekturhistoriker Norbert Huse seine beeindruckende Tour d'horizon durch Venedig treffend untertitelt; denn mit Kunst im alten technischen Sinne hat auf den sandigen Inseln im Brackwasser alles zu tun, was Menschen im Lauf der Zeit in den Boden rammten.

          Daß es in Venedig anders als in jeder anderen italienischen Großstadt keine römischen Wurzeln gibt, liegt am Luxus der Antike: Man hatte es lange schlicht nicht nötig, in den mückenverseuchten Sümpfen der Adria zu siedeln. Erst mit den Hunnen- und Gotenstürmen der Völkerwanderung boten amphibische Räume wie der von Grado, Ravenna oder eben von Torcello und Rialto Zuflucht, und eine ganz neue, einzigartige Lebensweise im und mit dem Wasser bildete sich über die Jahrhunderte heraus. Huse tut deshalb gut daran, seine Betrachtungen mit einfühlsamen geographischen Passagen einzuleiten, vom Wechsel der Gezeiten, von Sturm und Flut, von Holzmangel, Boots- und Brückenbau zu erzählen. Gerade mit diesen archaisch scheinenden Grundlagen ist man in Venedig meist direkt in den Sorgen der Gegenwart angelangt: "Der Wechsel der Gezeiten, mit dem sich das Meer mehrfach täglich in Erinnerung bringt, ist nicht nur ein Naturphänomen, sondern auch die Voraussetzung für die Hygiene einer Stadt, die bis heute weder über eine Kanalisation noch über eine Kläranlage verfügt" - was die Venezianer übrigens nicht davon abhält, zur Sommerzeit in den Abflußkanälen zur Adria beim Lido mit Behagen zu baden.

          Huse kennt anders als viele oberflächliche Autoren, welche die schillernde Impression dieser Stadt mit ihrem Verständnis verwechseln, sein Venedig bewundernswert genau, dazu noch die wichtigen Traktate zu Wasserwirtschaft, Versandung und Fundamentierung, die venezianische Ingenieure seit dem Mittelalter der heiklen Lage ihrer Heimatstadt gewidmet haben. Die Mahnung des letzten Mathematikers der Republik, Bernardo Zendrini, die Natur beim Bauen und Planen mit einzubeziehen, klingt nur außerhalb Venedigs modern und zukunftsweisend. Huse verweist ständig und mit Recht auf die Notwendigkeit, in der wandelbaren Strömungslandschaft das Aqua alta einzubeziehen, der Versandung zu wehren, Müll zu beseitigen oder abgeschnürte Totwässer zu vermeiden. Über die Jahrhunderte wurden dabei mit wachsendem technischen Wissen die Lektionen der alten Ingenieure zunehmend vernachlässigt, was einesteils mit Venedigs politischer Marginalisierung vor allem nach 1797, aber auch mit dem Hochmut moderner Machbarkeitsbarbaren zu tun hat.

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