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Antonio Damasio: „Selbst ist der Mensch“ : Wenn Gespenster im Gehirn die Karten legen

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Bild: Verlag

Hoch der Anspruch und schief das Konzept: Antonio Damasio verhebt sich an einer Theorie von der Entstehung menschlichen Bewusstseins.

          Wenn ich morgens von der Sonne geweckt werde, nehme ich sogleich die Helligkeit im Zimmer wahr. Gleichzeitig fühle ich die wohlige Wärme im Bett, die mich davon abhält, aufzustehen. Wie ist dieses bewusste Erleben möglich? Und wieso bin ich es, der etwas bewusst sieht und fühlt? Warum gibt es ein ganz eigenes, subjektives Erleben? Seit Jahrhunderten schlagen sich Philosophen, Psychologen und Naturwissenschaftler mit diesen Fragen herum.

          Emil du Bois-Reymond, der Begründer der experimentellen Physiologie, behauptete 1872 in einem berühmten Vortrag, es könne keine Antwort auf diese Fragen geben. "Der in negativ unendlicher Zeit angesponnene Faden des Verständnisses zerreißt, und unser Naturerkennen gelangt an eine Kluft, über die kein Steg, kein Fittich trägt", hielt er mit blumigen Worten fest. Warum zerreißt der Faden? Naturwissenschaftliche Erklärungen beziehen sich immer auf Zustände und Ereignisse in der materiellen Welt, etwa auf neuronale Zustände, die durch kausale Prozesse zustande kommen. Wie genau diese Erklärungen auch sein mögen, sie gehen nie über das hinaus, was objektiv gegeben ist. Wie sollten sie dann etwas einfangen können, was subjektiv erlebt wird? Blicken wir von außen in einen menschlichen Körper, können wir nie sagen, warum es sich von innen auf eine bestimmte Weise anfühlt, ein bewusstes Erlebnis zu haben. Es besteht eine prinzipielle Erklärungslücke, meinen auch in neuerer Zeit verschiedene Philosophen und schließen sich damit dem ernüchternden Urteil von du Bois-Reymond an.

          „Neuronale Karten“ werden im Gehirn gebildet

          Ganz anders argumentiert Antonio Damasio. Der amerikanische Neurowissenschaftler, der dank packend geschriebener Bücher weit über Fachkreise hinaus bekannt geworden ist, glaubt keineswegs, dass der naturwissenschaftliche Faden zerreißt. Wenn wir untersuchen, wie das Gehirn Schritt für Schritt einen Geist aufbaut, können wir seiner Ansicht nach sehr wohl erklären, wie und warum bewusstes Erleben zustande kommt.

          Wir sind dann sogar in der Lage, Selbstbewusstsein und kulturelles Bewusstsein zu erklären. Entscheidend ist für Damasio, dass wir bei den "neuronalen Karten" ansetzen müssen, die in unserem Gehirn gebildet werden. Sie liefern uns Informationen über unsere körperlichen Zustände, aber auch über Gegenstände außerhalb des Körpers. Je besser die einzelnen Karten in Beziehung zueinander gesetzt werden, desto vollständiger und genauer wird das Bild, das wir von unserem Körper und unserer Umwelt gewinnen.

          Das bewusste Erleben als Nebenprodukt

          Dabei sind für Damasio drei Stufen zu unterscheiden. Durch eine Ansammlung von Karten, die relativ stabile Aspekte des eigenen Körpers beschreiben, entstehe zunächst ein "Protoselbst". Wenn diese Karten dann mit jenen, die sich auf äußere Gegenstände beziehen, abgeglichen werden, entstehe ein "Kern-Selbst". Und wenn schließlich über die Zeit hinweg alle Karten zu einem großen, zusammenhängenden Muster verbunden werden, entstehe ein "autobiographisches Selbst".

          Das bewusste Erleben ist nun nichts anderes als eine Art Nebenprodukt des Protoselbst. Sobald nämlich Karten von unseren körperlichen Zuständen auftauchen, entstünden spontan Gefühle, die ihrerseits in Form von Karten abgespeichert werden. Dass wir die Gefühle subjektiv erleben, schließt nicht aus, dass wir die neuronalen Karten objektiv beschreiben können.

          Viele Fragen bleiben offen

          Damasio erklärt all dies anschaulich und mit Hilfe spannender Beispiele aus der Praxis eines Neurologen. Doch löst er das Rätsel des Bewusstseins? Wie selbstverständlich geht er davon aus, dass im Gehirn Karten entstehen, die sich auf etwas richten und damit intentional sind. Doch warum sollten neuronale Zustände diese Eigenschaft haben? Wie Zustände im Magen oder in der Leber sind sie zunächst nichts anderes als körperliche Zustände, die materielle Eigenschaften aufweisen. Sie treten an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt auf und stehen in einem kausalen Zusammenhang mit anderen derartigen Zuständen. Macht sie das allein schon intentional?

          Damasio sagt lediglich, es gebe nun einmal eine "innere Gerichtetheit des Gehirns" und damit auch Karten, die Informationen vermitteln. Aber damit wird nichts erklärt, sondern nur etwas behauptet. Der Philosoph Hilary Putnam spricht in solchen Fällen treffend von einer "magischen Theorie der Intentionalität". Wer annimmt, dass ein Muster von Sandkörnern am Strand, das zufällig wie der Kopf Winston Churchills aussieht, auf diesen Kopf verweist, schreibt den Körnern die magische Kraft zu, eine Beziehung zu Churchill herzustellen.

          Wer liest die Karten im Gehirn?

          Wer in ähnlicher Weise annimmt, dass ein Muster von Neuronen von sich aus auf körperliche Zustände oder äußere Gegenstände verweist, verfällt ebenfalls den Lockungen der Magie. Es hilft nicht weiter, wie Damasio von einem "Dualismus der Aspekte" zu sprechen und hartnäckig zu behaupten, neuronale Zustände seien nun einmal gleichzeitig materiell und intentional. Damit werden nur die Götter beschworen.

          Es reicht freilich nicht aus, dass Karten im Gehirn produziert werden. Sie müssen auch gelesen und verwendet werden. Doch wer liest sie? Offensichtlich auch das Gehirn. Damasio insistiert darauf, dass es sich selber informiert und die Karten auch selber einsetzen kann, um Handlungen hervorzubringen. Damit taucht sogleich ein weiteres Problem in seinem Erklärungsansatz auf. Einerseits argumentiert er, erst durch die Vernetzung von Karten im Gehirn entstehe ein Geist und damit auch ein Selbst. Andererseits setzt er voraus, dass von Anfang an eine Instanz vorhanden ist, die Karten interpretieren und gezielt einsetzen kann. Ein neuronaler Prozess versetze "uns in die Lage, Karten als Bilder wahrzunehmen, diese Bilder zu bearbeiten und die Vernunft auf sie anzuwenden". Wer nimmt hier wahr? Und wer wendet die Vernunft an?

          Schiefe Theorie, umfassender Erklärungsanspruch

          Das berüchtigte "Gespenst in der Maschine" scheint wieder aufzutauchen: Es muss schon einen Geist im Gehirn geben, damit Karten gelesen werden können. Zwar ist es nicht das cartesische Gespenst, denn Damasio weist einen Dualismus von sich: Es gibt keinen immateriellen Geist, der im materiellen Körper haust. Aber seltsamerweise gibt es ein materielles Gespenst, das von Anfang an im Gehirn tätig ist und Karten liest.

          Im letzten Teil des Buches verbindet Damasio die Theorie der neuronalen Karten mit einem evolutionären Ansatz und behauptet, nicht nur individuelles, sondern auch kulturelles Bewusstsein habe sich durch einen Prozess des Kartographierens herausgebildet. Im Verlauf der evolutionären Entwicklung hätten Menschen nämlich gelernt, bei der Bezugnahme auf Gegenstände zu kooperieren, auch symbolisch Bezug zu nehmen und genau jene Karten hervorzubringen, die überlebenswichtig waren.

          Auch die Künste hätten sich dabei herausgebildet, "weil sie einen Überlebenswert hatten und zur Entwicklung einer Vorstellung von Wohlbefinden beitrugen". Spätestens hier wird deutlich, wie verengt eine Perspektive ist, die nur darauf achtet, wie eine neuronale Vermessung der Welt dem Überlebenskampf dient. Pablo Picassos "Guernica" oder Herta Müllers "Atemschaukel" dient wohl kaum dazu, die Vorstellung von Wohlbefinden zu verbessern.

          Es zeigt sich auch, wie gefährlich es ist, ausgehend von einer inhaltlich begrenzten und methodisch schiefen Theorie gleich einen umfassenden Erklärungsanspruch zu erheben. Dass neurowissenschaftliche Analysen unverzichtbar sind, um die körperlichen Grundlagen einzelner geistiger Zustände zu bestimmen, ist wohl unbestritten. Doch bis zu einer umfassenden Kulturtheorie ist es noch ein weiter Weg.

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