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„Anti Freud“ und „Doch warum so viel Hass?“ : Die Wiener Ödipus-Verschwörung

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Bild: Verlag

Der Populärphilosoph Michel Onfray lässt an Sigmund Freud kein gutes Haar, Elisabeth Roudinesco revanchiert sich mit unfreundlichen Diagnosen: Ein französischer Streit in zwei deutschen Neuerscheinungen.

          „Was hat die Psychoanalyse bloß dem Himmel angetan, dass sie es verdient, von Elisabeth Roudinesco verteidigt und von Michel Onfray verunglimpft zu werden.“ So klagte der Schriftsteller und Journalist Michel Crépu vor einem Jahr angesichts der Schlammschlacht, die in den französischen Medien um Onfrays jetzt auch auf Deutsch erschienenes Buch über Sigmund Freud tobte. Er war nicht der Einzige, der über dem Niveau dieses Schlagabtauschs verzweifelte. Nicht zuletzt dank der Gegenattacken Roudinescos, die als langjährige Chronistin von „Le Monde“ und Lebensgefährtin des Verlagsleiters der Éditions du Seuil wohl die medial bestvernetzte Psychoanalytikerin Frankreichs ist, wurde einem merkwürdigen französischen Kleinkrieg große Öffentlichkeit zuteil.

          In Deutschland ist Onfrays Pamphlet nun zeitgleich mit der Gegenschrift seiner Kontrahentin erschienen. Allerdings ist zu bezweifeln, dass ein deutsches Lesepublikum viel Geschmack an einer Polemik finden wird, die eigentlich nur vor dem Hintergrund der französischen Freud-Rezeption der letzten Jahre verständlich ist. In Frankreich zählt Freud, anders als in Deutschland, seit jeher zum philosophischen Kanon, dem gegenüber sich französische Intellektuelle von Sartre bis Derrida jeweils positionieren mussten. Insofern lässt sich nachvollziehen, warum der Populärphilosoph Michel Onfray, der vor neun Jahren seinen Lehrerberuf aufgab, um in Caen eine „Université populaire“ zu gründen, die Psychoanalyse im Rahmen seiner mehrbändigen Gegengeschichte der abendländischen Philosophie abarbeitet.

          Allein gültig für den Fall Freuds

          Zwar präsentiert sich sein Buch vordergründig als eine nietzscheanisch inspirierte Auseinandersetzung mit Freud. Tatsächlich jedoch walzt Onfray lediglich das bereits 2005 im „Livre Noir de la psychanalyse“ von einer bunten Schar von Vertretern der Anti-Freud-Literatur aufgelistete Sündenregister des Begründers der Psychoanalyse aus. Wie manche dieser Autoren ist auch der in katholischen Internaten aufgewachsene Onfray ein abtrünniger Anhänger der Lehren des „Wiener Schamanen“, von dessen „Hexenwerk“ er sich bis zu dem Zeitpunkt fasziniert zeigt, als ihm durch die Bücher des in den Vereinigten Staaten lehrenden Philosophen Mikkel Borch-Jacobsen, einer der treibenden Kräfte des „Livre Noir“, sein „Erweckungserlebnis hinsichtlich Freud“ zuteil wird.

          So nimmt es nicht wunder, dass Onfray in seinem Buch so gut wie alles von seinem „Erwecker“ übernimmt: Zunächst die Behauptung, die Psychoanalyse sei nichts als ein Gebäude von Fälschungen, errichtet auf den Lügen und Selbsttäuschungen ihres Begründers, und somit nichts als eine „Privatwissenschaft“, allein gültig für den Fall Freuds, der seine eigene Neurose als Theorie ausgegeben und seinen Patienten aufgedrängt hätte - wodurch etwa mit dem Ödipuskomplex aus einem „persönlichen Problem eine über alle Zeiten fortdauernde Geißel der Menschheit“ wurde.

          Eintreten für den Freudomarxismus

          Im Einklang mit der These, die Psychoanalyse sei eine aus dem Geist der Gegenaufklärung geborene Religion und als solche zu bekämpfen, findet sich bei Onfray auch das manichäische Weltbild wieder, nach dem sich die Geschichtsschreibung der Psychoanalyse zwangsläufig in zwei Lager spaltet: die orthodoxen Hagiographen, welche die von Freud selbst fabrizierte Legende weiterspinnen, und eine kleine Schar kritischer Geister, die mutig gegen diesen Obskurantismus ankämpfen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

          Und auch Onfray praktiziert die Methode, Freuds Werk nach dem Charakter seines Verfassers zu bewerten, wie er ihm in jenen Quellen entgegentritt, die seiner Auffassung nach die ungeschminkte Wahrheit enthalten: Dazu zählen nicht nur den Briefe an seinen Freund Fließ oder seine Braut Martha Bernays, sondern etwa auch die eher dubiosen Memoiren der Haushälterin Paula Fichtl. Was hier großspurig als „nietzscheanische Analyse“ ausgegeben wird, ist letztendlich nichts anderes als holzschnittartige Psychobiographik, die die Hermeneutik des Verdachts mit dem Blick durchs Schlüsselloch kombiniert. Altbekannte Themen werden nacherzählt, aus dem Kontext gerissen und mit pubertärem Eifer reißerisch interpretiert.

          Wie etwa das Faktum, dass Freud Urlaubsreisen mit seiner Schwägerin Minna unternahm und dabei gelegentlich mit ihr ein Zimmer teilte. Damit gilt es Onfray nicht nur als ausgemacht, dass es tatsächlich eine sexuelle Beziehung zwischen beiden gab. Als Verfechter der von Wilhelm Reich gepredigten sexuellen Revolution scheint es ihm noch schwerwiegender, dass Freud sein ganzes Leben angeblich dem „Inzestprinzip“ unterwarf, jedoch zugleich eine repressive Haltung bezüglich Masturbation und Homosexualität vertrat. Vor dem Hintergrund seines emphatischen Eintretens für den Freudomarxismus - dem Onfray bereits sein nächstes, allerdings kaum beachtetes Buch gewidmet hat -, ist es kaum verwunderlich, dass er in Freud auch noch einen „Weggefährten des Faschismus“ ausmacht.

          Im Widerstand befindliche Patienten

          Die konsequent einseitigen Lektüren und absurden Überspitzungen Onfrays werden aber erst dann ganz verständlich, wenn man ihre eigentliche Zielscheibe vor Augen hat: nämlich jenes Bild Freuds, das eine Autorin errichtet hat, die sich in Frankreich als „offizielle Historikerin“ der Psychoanalyse versteht. Denn für Elisabeth Roudinesco gilt es als erwiesen, dass der Wiener Arzt eigentlich ein in der Tradition der französischen Aufklärung und später der literarischen Avantgarden stehender Denker ist, dessen Lehren allerdings im zwanzigsten Jahrhundert in Frankreich vielfach durch Rassismus und Antisemitismus behindert wurden.

          Die Replik Roudinescos auf die an sie adressierte „Brandschrift“ - kurioserweise in der auch sonst recht schludrigen Übersetzung von Hans-Dieter Gondek als „Brandgeschoss“ wiedergegeben - bietet keine Überraschungen. Roudinesco hält sich an die wohlbekannte Formel, nach der Kritiker der Psychoanalyse prinzipiell als im Widerstand befindliche Patienten anzusehen sind: Demgemäß sei Onfray nichts als ein pathologischer Freud-Hasser, der seine eigenen Neurosen auf das Hassobjekt projiziert; eine vulgärpsychoanalytische Diagnose, zu der der gelegentlich sehr persönliche Ton des „Anti Freud“ durchaus einlädt. Auch nicht erstaunlich und wenig überzeugend ist, dass sie den sich zum Freudomarxismus bekennenden Onfray in die Nähe der extremen Rechten zu rücken sucht.

          Obwohl Roudinesco das manichäische Geschichtsmodell allein Onfray und den Freud-Bashern anzuhängen sucht, reproduziert sie es selbst unentwegt. In Frankreich haben große Polemiken immer wieder das Denken und Handeln bewegt; in der kleinen Welt der Pariser Medien sind sie mittlerweile zur Farce verkommen.

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