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„Anti Freud“ und „Doch warum so viel Hass?“ : Die Wiener Ödipus-Verschwörung

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Und auch Onfray praktiziert die Methode, Freuds Werk nach dem Charakter seines Verfassers zu bewerten, wie er ihm in jenen Quellen entgegentritt, die seiner Auffassung nach die ungeschminkte Wahrheit enthalten: Dazu zählen nicht nur den Briefe an seinen Freund Fließ oder seine Braut Martha Bernays, sondern etwa auch die eher dubiosen Memoiren der Haushälterin Paula Fichtl. Was hier großspurig als „nietzscheanische Analyse“ ausgegeben wird, ist letztendlich nichts anderes als holzschnittartige Psychobiographik, die die Hermeneutik des Verdachts mit dem Blick durchs Schlüsselloch kombiniert. Altbekannte Themen werden nacherzählt, aus dem Kontext gerissen und mit pubertärem Eifer reißerisch interpretiert.

Wie etwa das Faktum, dass Freud Urlaubsreisen mit seiner Schwägerin Minna unternahm und dabei gelegentlich mit ihr ein Zimmer teilte. Damit gilt es Onfray nicht nur als ausgemacht, dass es tatsächlich eine sexuelle Beziehung zwischen beiden gab. Als Verfechter der von Wilhelm Reich gepredigten sexuellen Revolution scheint es ihm noch schwerwiegender, dass Freud sein ganzes Leben angeblich dem „Inzestprinzip“ unterwarf, jedoch zugleich eine repressive Haltung bezüglich Masturbation und Homosexualität vertrat. Vor dem Hintergrund seines emphatischen Eintretens für den Freudomarxismus - dem Onfray bereits sein nächstes, allerdings kaum beachtetes Buch gewidmet hat -, ist es kaum verwunderlich, dass er in Freud auch noch einen „Weggefährten des Faschismus“ ausmacht.

Im Widerstand befindliche Patienten

Die konsequent einseitigen Lektüren und absurden Überspitzungen Onfrays werden aber erst dann ganz verständlich, wenn man ihre eigentliche Zielscheibe vor Augen hat: nämlich jenes Bild Freuds, das eine Autorin errichtet hat, die sich in Frankreich als „offizielle Historikerin“ der Psychoanalyse versteht. Denn für Elisabeth Roudinesco gilt es als erwiesen, dass der Wiener Arzt eigentlich ein in der Tradition der französischen Aufklärung und später der literarischen Avantgarden stehender Denker ist, dessen Lehren allerdings im zwanzigsten Jahrhundert in Frankreich vielfach durch Rassismus und Antisemitismus behindert wurden.

Die Replik Roudinescos auf die an sie adressierte „Brandschrift“ - kurioserweise in der auch sonst recht schludrigen Übersetzung von Hans-Dieter Gondek als „Brandgeschoss“ wiedergegeben - bietet keine Überraschungen. Roudinesco hält sich an die wohlbekannte Formel, nach der Kritiker der Psychoanalyse prinzipiell als im Widerstand befindliche Patienten anzusehen sind: Demgemäß sei Onfray nichts als ein pathologischer Freud-Hasser, der seine eigenen Neurosen auf das Hassobjekt projiziert; eine vulgärpsychoanalytische Diagnose, zu der der gelegentlich sehr persönliche Ton des „Anti Freud“ durchaus einlädt. Auch nicht erstaunlich und wenig überzeugend ist, dass sie den sich zum Freudomarxismus bekennenden Onfray in die Nähe der extremen Rechten zu rücken sucht.

Obwohl Roudinesco das manichäische Geschichtsmodell allein Onfray und den Freud-Bashern anzuhängen sucht, reproduziert sie es selbst unentwegt. In Frankreich haben große Polemiken immer wieder das Denken und Handeln bewegt; in der kleinen Welt der Pariser Medien sind sie mittlerweile zur Farce verkommen.

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