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Soziale Ungleichheit : Der Gesellschaftsvertrag steht auf dem Spiel

  • -Aktualisiert am

Ein Grundeinkommen für jeden Bürger lehnten die Schweizer im Juni ab, Anthony Atkinson knüpft es allerdings an Bedingungen: Plakataktion auf dem Genfer Plaine de Plainpalais Bild: dpa

Radikal und durchgerechnet: Der britische Ökonom Anthony Atkinson präsentiert in seinem neuen Buch Vorschläge zum Abbau von zunehmender sozialer Ungleichheit.

          5 Min.

          In Filmen sehen Revolutionäre anders aus. Sir Anthony Atkinson trägt Anzug, Hemd und Krawatte, und wenn der Ökonom einen Vortrag hält, dann mit der ruhigen, sonoren Stimme eines Großvaters, der seinen Enkeln Kinderbücher vorliest. Aber die Ideen, über die Atkinson spricht, sind radikaler als alles, was in den Parlamenten zurzeit diskutiert wird. Ein staatlich garantierter Arbeitsplatz für jeden Bürger, eine Erbschaft bei Eintritt ins Erwachsenenleben und ein Grundeinkommen für alle, die sich gesellschaftlich einbringen – das sind nur drei von insgesamt fünfzehn Vorschlägen, die er in seinem Buch „Ungleichheit. Was wir dagegen tun können“ entwickelt und verteidigt. Seine Ideen, das schreibt der einundsiebzig Jahre alte Brite gleich zu Beginn, „ sollten uns von politischen Vorstellungen befreien, die uns in den letzten Jahrzehnten beherrscht haben.“

          Das ist ein gewaltiger Anspruch, aber wenn ihn jemand erheben kann, dann vielleicht ein so nüchterner Autor wie Atkinson. Seit einem halben Jahrhundert forscht er an Englands besten Universitäten zu sozialer Ungleichheit. Gemeinsam mit dem Ökonom Simon Kuznets hat Atkinson dieses Forschungsfeld für die moderne Volkswirtschaftslehre gleichsam begründet. Dabei wollte er eigentlich Mathematiker werden. Nach dem Schulabschluss arbeitete Atkinson 1963 dann als Hilfspfleger in den Alsterdorfer Anstalten, einer evangelischen Sozialstätte in Hamburg. Die Entbehrungen und die Armut, die er dort erlebte, veränderten seine Pläne. Atkinson nahm sich vor, die sozialen Probleme stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – und zwar mit Hilfe der quantitativen Sozialwissenschaften.

          Atkinson kehrte nach England zurück und studierte in Cambridge bei James Meade, Nicholas Kaldor und Joan Robinson Ökonomie. Als erster erstellte er detaillierte Datenreihen zur Verteilung des Wohlstands, zunächst für Großbritannien, später für andere entwickelte Länder. In unzähligen Fachartikeln und zahlreichen Büchern hat Atkinson die historische Entwicklung von Vermögen, Einkommen und Armut seitdem analysiert und theoretische Modelle entwickelt, um die Daten zu interpretieren. Der Atkinson-Index ist heute ein wichtiger Indikator für Ungleichheit.

          Piketty lernte von ihm

          Auch Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, das vor drei Jahren eine Debatte über Reichtum auslöste, wäre ohne Atkinsons Vorarbeit nicht denkbar. In seinem eigenen Buch, das 2015 auf Englisch erschien, knüpft Atkinson an Pikettys Analyse an, geht aber weit über sie hinaus. Dort, wo Piketty nur das oberste Prozent oder Promille der Einkommenspyramide in den Blick nimmt, schaut Atkinson auf die gesamte Gesellschaft. Während Piketty davon ausgeht, dass in Zukunft die Kapitalrendite das Wirtschaftswachstum übertreffen und die Vermögen daher schneller als die Löhne steigen werden, sieht Atkinson darin kein Naturgesetz; er untersucht stattdessen den Einfluss der Reichen auf politische Entscheidungen. Und wo Piketty sich auf den Vorschlag beschränkt, der Entwicklung durch eine Vermögenssteuer und die Anhebung der Einkommenssteuer auf bis zu 80 Prozent entgegenzuwirken – Reformen, die er selbst für politisch nicht durchsetzbar hält –, arbeitet Atkinson gleich ein ganzes Bündel konkreter Reformvorschläge aus.

          Ein Jahr lang : Grundeinkommen per Losglück

          Atkinsons Buch gliedert sich in drei Abschnitte: Diagnose, Reformvorschläge, Machbarkeitsstudie. Im ersten Teil unterscheidet Atkinson zunächst Formen der Ungleichheit. Er argumentiert, dass Chancengleichheit wichtig, aber nicht allein entscheidend ist. Denn zum einen könne jemand durch Unglück in Not geraten. Zum anderen unterschieden sich zwar die Talente der Menschen, aber ob ein siegreicher Athlet eine Girlande oder, wie der Gewinner der U.S. Open, drei Millionen Dollar erhält, hänge von ökonomischen Strukturen ab. Mit Blick auf die historische Entwicklung argumentiert Atkinson, dass Umverteilung allein nicht ausreicht, um Ungleichheit zu bekämpfen. Die Verteilung der Brutto-Einkommen, die der Markt bestimmt, sei wichtig. Den Markt aber, so Atkinsons These, können wir beeinflussen.

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