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Anson Rabinbach und Sander L. Gilman: The Third Reich : Der Überbau des Schreckens

  • -Aktualisiert am

Bild: University of California Press

Das „Dritte Reich“ in Dokumenten: Eine monumentale Sammlung zeigt, wie das Volk von der Propaganda ideologisch bearbeitet wurde.

          4 Min.

          War der frühe „Superman“ ein Handlanger übler jüdischer Umtriebe? Für seine Interpreten in der SS-Zeitschrift „Das Schwarze Korps“ bestand daran kein Zweifel. Das bisweilen rohe Gebaren des amerikanischen Comichelden schien ihnen im April 1940 dazu geeignet, amerikanischen Jugendlichen ein verwerfliches Vorbild zu liefern. Jerry Siegel, der offenbar jüdisch geprägte Autor der Geschichten um den „man of steel“, setzte demnach arglistig darauf, schlimmste kriminelle Energien in die Herzen juveniler amerikanischer Bürger zu pflanzen und damit die partiell „wertvolle Substanz“ des transatlantischen Volkes zu unterminieren.

          Die Kenntnis dieser Polemik gegen eine bis heute populäre Comicfigur ist Anson Rabinbach, einem Fachmann für Intellektuellengeschichte aus Princeton, sowie dem in Atlanta lehrenden Kulturwissenschaftler Sander L. Gilman zu verdanken. Der von ihnen ausgegrabene Artikel unterstreicht die Vorzüge ihres über vierhundert Dokumente umfassenden, inhaltlich sorgfältig gegliederten Quellenbandes über das „Dritte Reich“. In dem monumentalen Werk werden bekannte Ansprachen, Verordnungen, Abhandlungen von den Nürnberger Rassegesetzen bis zu der berüchtigten „Posener Rede“ Heinrich Himmlers mit eher abseitigen, oft vernachlässigten Zeitzeugnissen kombiniert.

          Wertvolle Alltagsdokumente

          Das betrifft in erster Linie Texte, die sich mit dem eindeutig privilegierten Thema der sozialen Exklusion aller Deutschen jüdischen Glaubens aus der Vorkriegsgesellschaft des Führerstaates beschäftigen. Schriftlichem Material zu der Vernichtung des europäischen Judentums nach 1939 kommt ein ähnlicher Stellenwert zu. Die Reichweite der antisemitischen Ideologie und Praxis des nationalsozialistischen Regimes messen die Herausgeber mit einem Scharfblick aus, der nicht nur englischsprachige Leser beeindrucken dürfte.

          Seine Eskalationsstufen beschränkten sich nicht nur auf die Politik, die Rechtsprechung, die Katheder des Wissenschaftsbetriebs und die prinzipiell räuberischen „Arisierungskampagnen“. Der antisemitische Furor gab immer auch dem gewöhnlichen Alltag bei der Arbeit, beim Sport, in Glaubenskontexten, in der Wohlfahrtspflege, der Jugendarbeit, den Kinos und den illustrierten Blättern das Gepräge. Umso geradliniger führte er in die mörderische Isolation der östlichen Gettos und darauf in die Gaskammern. Wer Originalbelege für die brachiale Gewaltsamkeit wie für die subkutane Niedertracht des zur Staatsdoktrin erhobenen Antisemitismus sucht, wird bei Rabinbach und Gilman fündig.

          Verengter Blick

          Problematischer erscheint dagegen die Entscheidung der Herausgeber, den reißfesten Überlieferungsstrang von Quellen zum Ausschluss der Juden und anderer unerwünschter Minderheiten aus „the German body politic“ durch einen primär kultur- und körpergeschichtlich relevanten Textfundus zu ergänzen. Im Kern handelt es sich dabei um Dokumente für das auf vielen Bahnen und vermeintlich unbeirrt angegangene nationalsozialistische Vorhaben, den deutschen „Volkskörper“ als kollektiv-gemeinschaftliche Einheit, jedoch auch in seinen individuellen Segmenten, einer erziehungs- und biopolitischen Generalrevision nach Maßgaben des arisch-nordischen Rassenideals zu unterziehen. Die Hervorhebung darauf zugeschnittener Quellen liegt fraglos insofern nahe, als sich entsprechende Anstrengungen für die gesamte Dauer des NS-Systems nachweisen lassen.

          Zweifelhaft bleibt allerdings, ob sie sich als griffiges Äquivalent zum roten Faden des Radikalantisemitismus eignen. Hier dürften Einwände erlaubt, wenn nicht geboten sein. Manches, wie die sichtbaren Veränderungen der weltanschaulichen Prioritätssetzung und die Wandlungen der propagandistischen Selbstinszenierung im Zeichen von Vierjahresplan und Weltkriegsführung, steht diesem Ansatz nämlich im Wege. Das wäre einer wenigstens kursorischen Erwähnung wert gewesen. Darüber hinaus verführt die Festlegung auf eine NS-spezifische Körper- und Seelenpolitik zur Überbewertung ihrer aktiven Fürsprecher und Förderer. In der Quellensammlung lässt sich das mit Blick auf Alfred Rosenberg und seinen rassistischen „Mythus“ (!), auf diverse „neugermanische“ Religionsstifter oder auch auf den Pädagogen Ernst Krieck und seinen Kollegen Alfred Baeumler darlegen. Letzterer war nie und nimmer ein „leading member of the Nazi elite“, nicht einmal in ihrer akademischen Variante.

          Durch Auslassungen gestützte Thesen

          Noch verdrießlicher ist eine durch Auslassungen fragmentierte Sicht auf den Nationalsozialismus. Themen, die dem bevorzugten Konzept nicht ohne weiteres einzufügen sind, etwa die Bereiche Außenpolitik, Militär und „Wiederwehrhaftmachung“, Landwirtschaft und Kriegsgeschehen einschließlich des Vernichtungskrieges im Osten, werden allenfalls angetippt oder bleiben ganz und gar unbehandelt. Auf diesen Feldern klaffen Titel und Inhalt weit auseinander.

          Die teilweise verblüffenden Ausblendungen verzerren das Bild des Nationalsozialismus mitunter sogar bis zur Fehlinformation. Am besten lässt sich dies an dem immerhin dreimal auftauchenden Beispiel der Ermordung der höheren SA-Führung im Sommer 1934 veranschaulichen. Da das Buch weder von dem Kriegsminister von Blomberg noch vom Chef der Heeresleitung von Fritsch, geschweige denn von der „Marburger Rede“ von Papens, Notiz nimmt, bleibt der gravierende Konflikt zwischen den Aufrüstungsplanungen der Reichswehr einerseits und der SA andererseits unerwähnt.

          Daher erfährt man auch nicht, dass sich Hitler unzweideutig auf die Seite der regulären Truppe und ihrer Absicht, eine konventionelle, hoch professionalisierte Streitmacht aufzubauen, schlug. Für den bekanntermaßen homosexuellen SA-Stabschef Ernst Röhm und seine Regionalkommandeure, die eine Milizarmee unter SA-Kuratel favorisierten, bedeutete dieser Führerentscheid das Todesurteil. Die brutale Beseitigung der SA-Spitze resultierte also im Wesentlichen aus einer wehrpolitischen Rivalität zweier Machtzentren des NS-Staates. Die Absicht, eine körper- oder sexualpolitisch motivierte Reinigung des Volkskörper herbeizuführen, lag ihr kaum zugrunde. Es ist bedauerlich, dass solche handfesten Interessenlagen von divergierenden politischen Handlungsträgern den Lesern vorenthalten werden.

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