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Anson Rabinbach und Sander L. Gilman: The Third Reich : Der Überbau des Schreckens

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Zweifelhaft bleibt allerdings, ob sie sich als griffiges Äquivalent zum roten Faden des Radikalantisemitismus eignen. Hier dürften Einwände erlaubt, wenn nicht geboten sein. Manches, wie die sichtbaren Veränderungen der weltanschaulichen Prioritätssetzung und die Wandlungen der propagandistischen Selbstinszenierung im Zeichen von Vierjahresplan und Weltkriegsführung, steht diesem Ansatz nämlich im Wege. Das wäre einer wenigstens kursorischen Erwähnung wert gewesen. Darüber hinaus verführt die Festlegung auf eine NS-spezifische Körper- und Seelenpolitik zur Überbewertung ihrer aktiven Fürsprecher und Förderer. In der Quellensammlung lässt sich das mit Blick auf Alfred Rosenberg und seinen rassistischen „Mythus“ (!), auf diverse „neugermanische“ Religionsstifter oder auch auf den Pädagogen Ernst Krieck und seinen Kollegen Alfred Baeumler darlegen. Letzterer war nie und nimmer ein „leading member of the Nazi elite“, nicht einmal in ihrer akademischen Variante.

Durch Auslassungen gestützte Thesen

Noch verdrießlicher ist eine durch Auslassungen fragmentierte Sicht auf den Nationalsozialismus. Themen, die dem bevorzugten Konzept nicht ohne weiteres einzufügen sind, etwa die Bereiche Außenpolitik, Militär und „Wiederwehrhaftmachung“, Landwirtschaft und Kriegsgeschehen einschließlich des Vernichtungskrieges im Osten, werden allenfalls angetippt oder bleiben ganz und gar unbehandelt. Auf diesen Feldern klaffen Titel und Inhalt weit auseinander.

Die teilweise verblüffenden Ausblendungen verzerren das Bild des Nationalsozialismus mitunter sogar bis zur Fehlinformation. Am besten lässt sich dies an dem immerhin dreimal auftauchenden Beispiel der Ermordung der höheren SA-Führung im Sommer 1934 veranschaulichen. Da das Buch weder von dem Kriegsminister von Blomberg noch vom Chef der Heeresleitung von Fritsch, geschweige denn von der „Marburger Rede“ von Papens, Notiz nimmt, bleibt der gravierende Konflikt zwischen den Aufrüstungsplanungen der Reichswehr einerseits und der SA andererseits unerwähnt.

Daher erfährt man auch nicht, dass sich Hitler unzweideutig auf die Seite der regulären Truppe und ihrer Absicht, eine konventionelle, hoch professionalisierte Streitmacht aufzubauen, schlug. Für den bekanntermaßen homosexuellen SA-Stabschef Ernst Röhm und seine Regionalkommandeure, die eine Milizarmee unter SA-Kuratel favorisierten, bedeutete dieser Führerentscheid das Todesurteil. Die brutale Beseitigung der SA-Spitze resultierte also im Wesentlichen aus einer wehrpolitischen Rivalität zweier Machtzentren des NS-Staates. Die Absicht, eine körper- oder sexualpolitisch motivierte Reinigung des Volkskörper herbeizuführen, lag ihr kaum zugrunde. Es ist bedauerlich, dass solche handfesten Interessenlagen von divergierenden politischen Handlungsträgern den Lesern vorenthalten werden.

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