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Ende des Karrierefeminismus : Das große Zurückrudern

Frau mit drei Kindern auf dem Carolasee im Großen Garten in Dresden: Reinhängen soll man sich, aber in welche Richtung? Bild: Picture-Alliance

Können Frauen Karriere machen und eine Familie haben? Nur in Ausnahmefällen, schreibt Anne-Marie Slaughter in erfreulichem Pragmatismus: Es kommt darauf an, was man unter „Familie haben“ versteht.

          Anne-Marie Slaughter gehörte jahrelang zu den Frauen, die Kinder und beruflichen Erfolg spielend zu bewältigen schienen. Bis 2009 arbeitete die Politikwissenschaftlerin als Dekanin an der Princeton University: ein wichtiger Posten, der es ihr aber ermöglichte, zu Fuß zur Arbeit zu gehen und abends für ihre beiden kleinen Söhne zu kochen. Dann berief Hillary Clinton sie als Direktorin in den Planungsstab des Außenministeriums. Künftig musste Slaughter ihre Woche in Washington verbringen, kam freitags erschöpft nach Hause und verließ ihre Familie am Montagmorgen zu nachtschlafender Zeit. Sie hatte von vornherein angekündigt, nach zwei Jahren nach Princeton zurückzukehren, weil die Universität ihre Mitarbeiter nicht länger freistellt – aber als sie ging, ging sie nicht wegen des Jobs. Sie hätte andere haben können, prestigeträchtigere, überall. Anne-Marie Slaughter ging zurück nach Hause, weil ihre Kinder in einer schwierigen Phase steckten und sie brauchten.

          2012 schrieb sie darüber einen Artikel, der rasch zum meistgelesenen in der Geschichte des Magazins „The Atlantic“ avancierte: „Why Women Still Can’t Have It All“ war das Manifest aller, die mit großen Vorsätzen in ihre Lebensplanung starteten und dann feststellten, dass das Leben sich nur begrenzt planen lässt. Slaughters neues Buch „Was noch zu tun ist – Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können“ ist eine Art Langform jenes Textes mit vielen persönlichen Erlebnissen und Herausforderungen, von denen ihr Leser auf den „Atlantic“-Artikel hin berichtet haben. Die meisten ähneln denen einer Princeton-Absolventin, die ihr schrieb: „Ich möchte nicht arbeitslos sein, aber auch nicht die Powerfrau, die nach der Arbeit nach Hause kommt und allein in ihrer Wohnung Tütensuppen isst.“

          Der Zeitpunkt der Publikation ist interessant, denn er fiel zusammen mit dem Zurückrudern der Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Diese hatte 2013 ihr Buch „Lean in“ veröffentlicht, dessen Botschaft sich kurz zusammenfassen lässt mit: Frauen, traut euch den Erfolg zu, strengt euch an, und fordert die Verantwortung und die Beförderungen ein – Familie und Karriere sind vereinbar! Das Buch hatte großen Einfluss auf viele Frauen; auch Slaughter berichtet, dass daraufhin mehrere Mitarbeiterinnen zu ihr kamen und sich aufstiegswillig zeigten.

          Doch im vergangenen Jahr starb Sandbergs Ehemann, der ihr in der Familie oft den Rücken freigehalten hatte. Bald darauf verstand Sandberg, warum alleinerziehende Mütter und solche mit wenig kooperativen Ehemännern ihr vorgeworfen hatten, sie stelle die Dinge zu einfach dar. Ja, sie habe die Situation von Frauen ohne engagierten Partner unterschätzt, bekannte sie im Mai. Es sei alles viel schwieriger. Womöglich könne eben doch nicht jede Frau alles haben.

          Anne-Marie Slaughter leitet inzwischen den Think Tank „New America“.

          Die Veröffentlichungen von Sandberg und Slaughter leiten das Ende des Karrierefeminismus ein, der Frauen eintrichterte, die üblichen Erfolgswege der Männer einzuschlagen. Slaughter macht in ihrem Buch sehr deutlich, dass es für sie wie für viele andere Frauen keine Option ist, dauerhaft das klassische Leben männlicher CEOs zu führen, die ihre Kinder fast nur am Wochenende sehen. Die große Frage lautet: Was bedeutet „Familie haben“ eigentlich? Dass man eine Familie hat, irgendwo, mit einem Partner, der das alles allein organisiert – oder dass man ein echter Teil dieser Familie ist, der zu Elternabenden geht, Gutenachtgeschichten vorliest und bei Liebeskummer zuhört?

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