https://www.faz.net/-gr3-9jv61

Integration in Schulen : Lehrerlücke trifft auf Flüchtlingsschüler

Flüchtlingskinder unterschiedlicher Herkunft lernen in einer gemeinsamen Schulklasse unter anderem Deutsch. Bild: Stefan Finger

Am Geld allein liegt es nicht: In ihrem Buch „Deutschland hat ausgelernt“ beschreibt Anna Kröning, wie Schulen sich an den Herausforderungen der Integration abarbeiten.

          Wie viele Kinder und Jugendliche in den letzten Jahren nach ihrer Flucht in das System deutscher Schulen und Berufsschulen eingegliedert werden mussten, weiß immer noch niemand genau. Für mindestens eine halbe Million, wahrscheinlich aber noch mehr Flüchtlingsschüler sei schnell und umstandslos in Schulklassen Platz geschaffen worden, schreibt die Journalistin Anna Kröning in ihrem Buch „Deutschland hat ausgelernt“. Insgesamt seien seit 2014 fast eine Million ausländische Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene unter 25 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie stützt sich unter anderem auf die Asylstatistik, hie und da auf ein Landesschulministerium – aber sie weiß, dass dies keine ausreichenden Quellen sind, um eine gigantische Aufgabe wie die Integration Hunderttausender neu zugewanderter Schüler solide zu beschreiben.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Zumal diese Migrantenkinder meist nur bis zum Abschluss der vorbereitenden Deutsch-Pflichtkurse überhaupt statistisch als besondere Gruppe erfasst sind. Anna Kröning versucht trotzdem, die blinden Flecken reiner Statistik mit Befunden aus Studien und Zeitungsartikeln sowie einigen eigenen Besuchen in Schulen zu erhellen. Das ist verdienstvoll, aber nicht immer überzeugend.

          Zu viel wird da vermutet, und so bleiben die wenigen Schulporträts und Gespräche mit Lehrern vor Ort die Lichtblicke, weil sie authentisch davon erzählen, was in den Schulen zu leisten ist und ob es gelingen kann. Kein Bürgermeister, kein Landrat, auch kein Pädagoge zieht in Zweifel, dass die Beschulung, das Deutschlernen oder die Alphabetisierung jugendlicher Analphabeten – in großer, wenn auch letztlich unbekannter Zahl – unerlässlich sind für das Gelingen des Großprojektes Integration.

          Anna Kröning: „Deutschland hat ausgelernt“. Wie Schulen an der Integration scheitern und was wir tun können. Piper Verlag, München 2018. 320 S., geb., 20,– €.

          Kröning streift auch die Probleme, die Schulen bereits vor der „Flüchtlingskrise“ an die Belastungsgrenze gebracht haben: der prekäre Zustand vieler Schulgebäude, die Platznot, der gravierende Lehrermangel (vor dem jahrzehntelang vergeblich gewarnt worden ist), die Folgen verfehlter Reformen, die immense Zahl von Schülern, die unzureichend lesen, schreiben und rechnen können. Trotzdem wirbt sie um Verständnis, vermisst überzeugende, länderübergreifende Konzepte und Standards für die Flüchtlingsschüler – und weiß im Grunde genommen, dass die aus dem Stand angesichts der großen Zahl junger Flüchtlinge nicht schnell zu haben sind.

          Flüchtlingsschüler landen häufig in Brennpunktschulen

          Erstaunlich ist dabei, wie die Autorin von vornherein „die anderen“, die Mehrheit immerhin, und deren schulische Situation ausblendet. Ob und vor allem wie diese „anderen“ zum Beispiel den Anspruch, integrative Sozialarbeiter vom frühesten Kindesalter an sein zu müssen, gut oder schlecht verkraften, interessiert sie kaum. Ihr geht es nur darum, dem Leser begreifbar zu machen, wie hart die ungelösten Probleme deutscher Schulen gerade die Flüchtlingsschüler treffen.

          Immer mal wieder rettet sich die Autorin in die wohlfeile Klage, deutsche Schulen seien unterfinanziert. Bloß ist allein schon die Lehrerlücke nicht mit noch mehr Bundesmillionen rasch zu schließen: Junge Lehrer kann man nicht irgendwo dazukaufen, die müssen zuerst einmal viele Jahre lang ausgebildet werden – darüber wird so manche Kindheit, nicht nur die von Flüchtlingen, vergehen.

          Auch Anna Krönings Forderung, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und alles zu tun, um etwa Schulen ohne deutsche Mitschüler zu vermeiden, klingt zwar gut. Doch übersieht sie, wie es zu dieser Segregation gekommen ist. Nach Krönings Ansicht haben sich ganze Stadtviertel entmischt, weil Arm und Reich nicht zusammenleben wollen. Das stimmt zwar, doch verließen auch ärmere Familien diese Viertel, weil sie nicht wollten, dass ihre Kinder für politische Versäumnisse büßen – eine Abstimmung mit den Füßen oder, positiv gedeutet, ein Beweis für ihren Aufstiegswillen durch Bildung.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Dieses Wegziehen in besser gemischte Viertel ist heute kaum noch möglich, die wachsende Wohnungsnot verschärft die Zustände noch. Genauso wie die Verteilung der Flüchtlinge im Land. Nicht nur in Berlin oder Duisburg konzentrieren sie sich wieder in sozial ohnehin schon belasteten Vierteln. Kröning berichtet und führt Studien an, die dies belegen: Zu viele Flüchtlingsschüler landen an den sogenannten Brennpunktschulen und haben dort während ihrer Schulzeit „kaum Kontakt zu Gleichaltrigen ohne ausländische Wurzeln“.

          Warnung vor neuen Parallelgesellschaften

          Im Flüchtlingsheim, wo die Mehrzahl lebt, mag es inzwischen komfortabler sein als noch im Jahr 2016. Doch sind sie dort ebenfalls „unter sich“, was ihrer Sprachkompetenz schadet, da auch die Eltern nur wenig oder gar kein Deutsch sprechen – und es nicht selten auch nicht lernen wollen, wie jüngst der Städtetag beklagte.

          Zudem sind auch die Kapazitäten vieler Brennpunktschulen längst überdehnt, obwohl man gerade dort hochengagierte und im Umgang mit Einwandererkindern erfahrene Pädagogen trifft. Kröning weist auf diesen Erfahrungsschatz mehrfach hin, lässt diese Lehrer, die über mehr soziale Phantasie verfügen, als in die Integrationskonzepte der Bundesregierung eingegangen ist, selbst zu Wort kommen.

          Eine ihrer Gesprächspartnerinnen, eine Schulleiterin, beschreibt, wie die Probleme mit neuen Lernkonzepten angegangen werden: „Wir sind diejenigen, die es am besten können ... Und wir haben die größten Erfahrungen. Aber wir können nicht alles allein stemmen, das wird nicht aufgehen.“ Trotzdem, schreibt Kröning, werde getan, was nur irgend möglich ist. Ihrer Warnung vor neuen Parallelgesellschaften ist zuzustimmen. Doch mit ihrem phrasengesättigten 12-Punkte-Programm, als Schlussakkord des Buches, werden sie kaum zu verhindern sein.

          Weitere Themen

          „Andere Eltern“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Andere Eltern“

          „Andere Eltern“ läuft ab dem 19. März um 20:15 Uhr bei TNT-Comedy

          Topmeldungen

          Aufnahme aus der U-Bahn-Station Westfriedhof in München: Kommt die Zukunft der Mobilität einfach nicht, oder rast sie längst an uns vorbei?

          Verkehrspolitik : Wir brauchen mehr Tempo

          Die Debatte ums Tempolimit übertönt die wirklich wichtigen Fragen der Verkehrspolitik: Wo sind denn die neuen futuristischen Züge, die gestresste Raser und müde Lkw-Fahrer auf die Schiene locken?

          Prozess zu Messerattacke : Wofür Chemnitz steht

          Auch Chemnitz sitzt beim Strafprozess um den gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners gleichsam auf der Anklagebank. Es gibt aber keinen Grund, von vermeintlich größter moralischer Höhe auf die armen Brüder und Schwestern im Osten zu blicken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.