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Anja Schwanhäußer: Kosmonauten des Underground : Locations lassen sich überall finden

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Anja Schwanhäußer: Kosmonauten des Underground Bild:

Wer versteckt sich eigentlich hinter der Kennung „Berliner Szene“? Anja Schwanhäußer hat eine Ethnologie des Berliner Techno-Underground geschrieben.

          Das Fach Ethnologie lässt an weit entfernte Zivilisationen und fremde Völker denken. Die Autorin Anja Schwanhäußer hat ihr Studienobjekt dagegen in der deutschen Hauptstadt gefunden. Es geht um eine Personengruppe, die in und um Berlin Tanzveranstaltungen mit überwiegend elektronischer Musik organisiert und sich dafür temporäre locations zu eigen macht. In der auf etwa 300 bis 3000 Leute geschätzten Gemeinschaft hat die Autorin eine zwölfmonatige Feldforschung durchgeführt und diese zu ihrer „Ethnografie einer Berliner Szene“ verarbeitet.

          Was darf der Leser von einer solchen Bestandsaufnahme erwarten? Zunächst eine Beschreibung dieser Szene, die sich nicht nur auf Fakten und Verhaltensweisen beschränkt, sondern über die Mentalitäten der Akteure aufklärt. Die Stadtethnologin Schwanhäußer schafft für ihre Untersuchung einen theoretischen Rahmen, der hier nur kurz angedeutet werden soll. Für die Akteure der „Szene“ (ein offenerer Begriff als Subkultur) operiert sie mit dem Konzept des neuen Kleinbürgertums nach Pierre Bourdieu. Ihre zentrale Analysekategorie ist der Raum: Er verliert seine früheren Funktionalitäten, wird zur location verwandelt und auf atmosphärische Qualitäten (Gernot Böhme) hin für events inszeniert - diese Tendenz beginnt bei einer gemütlichen illegalen Lounge in einem leerstehenden Ladenlokal und endet bei knallhartem Stadtmarketing, siehe Love Parade Duisburg.

          Die Wurzeln der Berliner Subkultur

          Schon die Benennung der untersuchten Gruppe ist aufschlussreich. Die Akteure selbst fühlen sich kurz und knapp „der Szene“ zugehörig. Sie bleiben dabei gerne unspezifisch, weil es zu ihren Idealen gehört, möglichst offen zu sein und Leute zusammenzubringen. Die Autorin hat sich für ihre Gruppe zu dem Behelf „Techno-Underground“ durchgerungen - ein Begriff, der den subkulturellen Hintergrund berücksichtigen soll. Dessen Wurzeln sieht sie in der Hausbesetzer- bzw. Wagenburgszene, der Hippiekultur sowie in der Prenzlauer-Berg-Boheme der achtziger Jahre. Eine Reihe lebendiger Kurzporträts hilft, die Akteure und ihre Hintergründe greifbar zu machen.

          Die Darstellung relativiert gängige Klischees über die Partyszene, so etwa die Vorstellung von hemmungslosem Drogenkonsum. Sicherlich werde auf den Veranstaltungen fleißig gekifft. Exzessiven und härteren Drogenkonsum lehnen die Beteiligten aber zumeist ab, „weil die Sensibilität für das gesellige Miteinander verlorengeht, das ja den Kern der Szeneexistenz ausmacht“. Auch Sex-Phantasien werden ins Reich der Mythen verwiesen.

          Mit einem weiteren Trend setzt sich Anja Schwanhäußer ausführlich auseinander: Der Techno-Underground erobert das Berliner Umland für sich. Die Natur wird jedoch nicht wie zu Hippie-Zeiten idealisiert, sondern mit Möbeln, Dekoration und Technik in Szene gesetzt.

          Techno als Wirtschaftsfaktor in Berlin

          Der Autorin gelingt es sehr gut, eine Vielzahl von Phänomenen treffend zu beschreiben. Auch ökonomische Aspekte werden berücksichtigt: Der Techno-Underground trägt mit seinem kreativen Potential entscheidend zum „neuen Berlin“ bei, liefert damit aber zugleich den Rohstoff für die Festivalisierung der Stadt. Nur wenige Akteure profitieren davon, viele leben in sehr unsicheren Verhältnissen und leiden langfristig darunter.

          Geld ist folglich nicht die Triebfeder der Szene - was ist es dann? Darauf hätte man sich eine etwas deutlichere Antwort gewünscht. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass ein möglicher Lösungsansatz stiefmütterlich behandelt wird: die Inhalte der Veranstaltungen, insbesondere die Musik. Sie wird überwiegend als rein funktionales Phänomen dargestellt, das „dem Augenblick eine klangliche Tönung“ gebe, ihn „lediglich ästhetisch untermalt“. Der Techno-Underground besteht aber zu einem gewichtigen Teil aus Musikern, DJs, Veranstaltern - daher rührt das attestierte kreative Potential - sowie einem hohen Anteil kritischer Hörer. Für sie hat Entdeckungslust, Weiterentwicklung und Förderung von Musik nicht nur eine „zentrale Bedeutungsdimension“ (Schwanhäußer), sondern ist Impuls und Motivation für die Aneignung von locations.

          Diese unglückliche Gewichtung von Raum und Inhalt führt zu einigen Fehleinschätzungen. So sind Künstler und Musiker vielfach Respektspersonen in der Szene, nicht nur Leute aus dem Besetzer- oder Hippieumfeld, wie die Autorin meint. Verwunderlich ist auch, dass die Autorin als Territorium der Berliner Szene Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg nennt, aber den Bezirk Mitte nicht erwähnt, obwohl dieser auf eine Vielzahl temporärer Orte verweisen kann. Diese Anmerkungen sollen aber den grundsätzlichen Verdienst von Anja Schwanhäußer nicht schmälern. Sie hat eine große Herausforderung bewältigt: über eine im weitesten Sinne subkulturelle Szene objektiv und nicht peinlich zu schreiben.

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