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Anja Karnein: Zukünftige Personen : Letzte Chance für die tiefgekühlte Reserve

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Wider das absolute Machtgefälle zwischen Eltern und Embryonen: Die Soziologin Anja Karnein will ungeborenes Leben unter den Schutzschirm künftiger Personalität gestellt sehen.

          Den Eltern, die die Lufthoheit über den Petrischalen ihrer künstlich gezeugten Embryonen beanspruchen, und den Theoretikern, die dies mit ihren Argumenten unterfüttern, wirft Anja Karnein den Fehdehandschuh hin. Die junge amerikanische Soziologin, die derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität in Frankfurt arbeitet, hält sowohl den liberalen Befürwortern der Elternrechte als auch konservativen Werteschützern entgegen, dass der Anspruch einer Person, keinen Schaden zugefügt zu bekommen, auch ein rückwärts gerichtetes Interesse daran beinhaltet, dass sie als Embryo nicht manipuliert wurde.

          Sie fordert in Sachen Reproduktionsdesign nicht weniger als eine umfassende, antizipatorische Achtung für die spätere Personalität der so Gezeugten und nennt dies das „Prinzip der zukünftigen Personalität“ oder - getreu dem Trend zu Abkürzungen auch in den Geisteswissenschaften - PZP. Man kann sie nicht genug dafür loben, dass sie endlich den Finger in jene schwärende Wunde der Reproduktionsmedizin legt, die man lange bloß anästhesiert hielt: das absolute Machtgefälle zwischen den Optionen, die Eltern im Rahmen moderner Reproduktionstechnologien zugestanden werden, im Vergleich zum Ausgeliefertsein des Embryos.

          Wunschkinder aus dem Baukasten

          Dieser hat keine Möglichkeit, die genetische Manipulation der Eltern anzufechten, sie dürfen sich durchsetzen, ohne die Interessen ihres zukünftigen Kindes ausfindig machen zu müssen. Das sei ein Aspekt, vermutet Karnein zu Recht, der Liberale eigentlich unruhig machen müsse. Dass die, die ansonsten den Schutz der Intimsphäre so hochhalten, auf dem reproduktionsmedizinischen Auge offenbar blind sind, nennt sie rätselhaft und schlägt gewichtige Stimmen auf diese Weise elegant mit deren eigenen Waffen.

          Dazu zählt vor allem der Bioethiker John A. Robertson, der mit seinem Buch „Children of Choice“ die theoretische Basis für die reproduktionsmedizinische Praxis des „anything goes“ in den Vereinigten Staaten gelegt hat. Er verteidigt die Rechte der Eltern, sich wie in einem Baukastensystem ihr Wunschkind zusammenschustern zu dürfen, unter anderem damit, dass er solches Tun nicht anders einstuft als Nachhilfeunterricht oder das Verabreichen von Wachstumshormonen. Coaching soll eben vor der Geburt ebenso erlaubt sein wie danach.

          Realistische Beispiele

          Die Praxis, auf die sich die Überlegungen der Autorin beziehen, bietet konkretes Anschauungsmaterial. Da sind etwa die gesunden, nicht unfruchtbaren Eltern, die ihren drei Mädchen per künstlicher Befruchtung und „sex selection“ einen Jungen hinzufügen wollen. Wenn die Präimplantationsdiagnostik dann aber irrt und die Eltern ein gesundes Mädchen abtreiben - und dann wieder mit reproduktionsmedizinischen Maßnahmen versuchen, ihre Familie im Hinblick auf die Geschlechtermischung der Kinder zu „balancieren“ -, stellt sich die Frage von erlaubter Selektion doch sehr viel prägnanter.

          Oder welche Optimierung nehmen gehörlose Eltern vor, wenn sie unter den Embryonen diejenigen aussuchen, die sich zu ebenfalls tauben Menschen entwickeln, weil sie, die Eltern, Taubheit zur wünschenswerten Spielart der Kultur erklären? Oder wie sind die Zugeständnisse geartet, die Timothy F. Murphy im Rahmen seiner Gay-Science-Studien den Eltern macht: Sie sollen wählen dürfen, ob ihr Kind mit homo- oder heterosexueller Veranlagung geboren wird, je nachdem, welche Option sie für sein Leben bevorzugen (ungeachtet der Tatsache, dass es sich hierbei um eine Fiktion handelt, man kennt keine genetischen Anlagen, mittels deren man sexuelle Vorlieben gezielt beeinflussen könnte).

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